9. Dezember

Dunkelheit. Modrige Luft. Keine gute Kombi für Menschen, die es nicht so mit der Dunkelheit und modrigen Luft hatten. Aber wer fragte schon nach solchen Umständen? Die drei Personen, die in dieser Umgebung gefesselt auf dem Boden lagen, hatte zumindest niemand gefragt, ob es ihnen recht war, an so einen Ort verschleppt zu werden. Wieso sollte man sich auch solche Mühen machen? Ansonsten hätte man sie ja gleich nach Vorlieben fragen und ihnen einen Wellnessaufenthalt im Hogsmeade Wellnesshotel buchen können. Das wiederrum hätte alles versaut, was für die besagten Personen geplant war. Wobei es ja nicht direkt für diese Personen geplant gewesen war, zumindest nicht für alle von ihnen. Manche waren da nur eher ungünstig reingeschlittert. Manchmal hatte man eben mehr als nur Pech, nämlich sehr großes Pech, vor allem dann, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort war. Doch was bedeutete schon Zeit? Zeit war relativ, eine Ansammlung von Ereignissen, die nicht immer erfreulich waren, was ja sonst langweilig wäre. Tja. Timey-Wimey-Stuff.

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Als die Dorfbewohner an diesem Morgen zurück kehren wollten zu ihrer Arbeit, die sie am Vortag verlassen hatten, staunten sie nicht schlecht. Der Schnee türmte sich wieder genauso meterhoch wie zuvor, und hatte das eiserne Tor zum Gelände erneut umschlungen. Es war fast so, als hätten sie gestern nur Däumchen gedreht, anstatt zu arbeiten. Für manche war es so frustrierend, dass sie einfach wieder umdrehten und gingen.

Natürlich hatte Bruce verschlafen, sodass Gabriel ihn erst einmal wecken musste. Bei ihm war Isabella McShaw, die ebenso am Vortag schon kräftig geholfen hatte und nun mit den beiden Männern zum Ort des Geschehens zurückkehren wollte. Schließlich hatten sie alle jemanden im Schloss, den sie erreichen wollten. Wobei Isa nicht so ganz sicher war, weswegen der Krämer mitmachte, da sie sich nicht erinnern konnte, dass er ein Kind da oben hatte. Und immer, wenn sie danach fragte, redete er sich raus. Komischer Kauz, und das dachte sie nicht nur, weil er neben ihr im halben Piratenaufzug und einem Papagei auf der Schulter stand. Da sie selbst jedoch ihren Kolkraben Herold mithatte, konnte sie nichts gegen den Papagei sagen, der ihr als Sindbad vorgestellt worden war. Wie passend.

Nachdem auch der Heiler endlich aus seinem Haus gekommen war, begleitet von einem Affen, den er Bruce nannte, obwohl er eigentlich eine sie war, machten sie sich auf nach Hogwarts, oder zumindest zum Tor. „Seltsam …“, murmelte Gabriel, als ihnen schon die ersten Dorfbewohner wieder entgegen kamen. „Die werden doch wohl nicht schon fertig sein? Das wär echt krass schnell … so lang hab ich doch gar nicht gepennt, Alter!“, staunte Bruce nicht schlecht. Der Mensch, nicht der Affe, der eigentlich eher ein Demiguise war, aber wer war da schon so genau.

Natürlich wurden die Schritte des Lockenschopfs schneller, weil er sich schon sehr darauf freute, endlich wieder mit seinem Bro abhängen zu können. Da kann man sich dann die große Enttäuschung vorstellen, die ihn erfasste und hart traf – so wie die Schaufel, auf die er unbeabsichtigt draufgetreten war, und die hochklappte und ihn mit voller Wucht traf – und ihn auf die Knie sinken ließ, als er am Ende des Weges angekommen war, wo die Schneemauer noch viel dicker schien als die Tage zuvor. „Was`n das für´n Hippogreifmist?“, rief er laut und verzweifelt aus und hieb die Faust wütend gen Himmel, damit den Wolken drohend, da er ja nicht an so etwas wie einen Gott glaubte.

Auch für die andren beiden, die kurz darauf zum Tor kamen, war es ein großer Schock. Isa hatte gehofft, ihre Adoptivtochter endlich wieder sehen zu können. Der Wunsch war ihr jedoch verwehrt worden. „Das ist … ärgerlich“, murmelte sie vor sich hin, während der Papagei des Krämers das letzte Wort immer wieder wiederholte. „Ärgerlich, ärgerlich […]!“

„Vielleicht sollten wir die Vögel dazu nutzen, um sie mit Briefen nach oben schicken, um herauszufinden, was los ist“, schlug Gabriel vor, nachdem er seinem Papagei den Schnabel zuhielt. Isabella war natürlich sofort dafür und Bruce begutachtete seinen tierischen Begleiter, und fragte sich, welchen Vogel die andren meinen könnten, ehe er darüber nachdachte, ob er Bruce – den Affen – nicht auch irgendwie zum Fliegen bringen könnte. Allerdings schien das Tierwesen Gedankenlesen zu können, denn während im Kopf des Heilers schon die Flugbahnen berechnet wurden, machte der Demiguise sich schon unsichtbar und brachte sich in Sicherheit.

Währenddessen waren die beiden Vögel schon in die Luft gestiegen und nahmen Kurs auf das Schloss. Glücklicherweise hatte Gabriel immer etwas zu Schreiben dabei. Als halber Pirat musste man sich eben auch schnell notieren können, wo ein Schatz versteckt war.

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Eigentlich hätte der Schlummertrunk, der ihnen untergejubelt worden war, viel länger anhalten sollen. Doch derjenige, der den Trank gebraut hatte, hatte es nicht so mit Wirkungsstoffen, daher war es auch kein Wunder, dass sich zwei der am Boden liegenden bereits bewegten. Wobei es ja auch nie geplant war, sie mit reinzuziehen. Es war eher eine Notlösung gewesen, daher hatte man den Zaubertrank auch verdünnen müssen, um mehr davon zu haben, was vermutlich ebenso zur Wirkstoffminderung beigetragen hatte.

Leise grummelnd rollte sich eine der beiden Gestalten zur Seite, in der Hoffnung herausfinden zu können, wo oben und wo unten war, da sie alle an Armen und Beiden zusammengeschnürt waren, und einen Sack über den Kopf hatten. Natürlich einen luftdurchlässigen Stoffsack. Sicher fragt man sich jetzt, wieso die Festgehaltenen nun auch noch so präpariert waren, wenn sie ohnehin in einen tiefen Schlaf versetzt worden waren. Tja. Sonst wäre es ja langweilig?

„Verdammt, passen Sie doch auf!“, zischte die zweite wachgewordene Person, als der sich bewegende unbeabsichtigt mit seinen Ellbogen gegen sie gestoßen war.

„Victoria? Sind Sie das?“, fragte Person 1 überrascht.

„Natürlich! … Smith … was haben Sie mit mir gemacht?“, wütend über ihre Situation tat sie natürlich gleich das, was logisch war: den Schuldigen ausfindig machen. Da wo ein John Smith war, konnte nur er an allem Unheil schuld sein!

Der verstand natürlich überhaupt nicht, was sie meinte. „Wo sind Sie denn? Was ist hier los? Das ist … der Stoff über meinem Gesicht riecht so seltsam …“, sprudelte es wirr aus ihm heraus, was Victoria eindeutig zu erkennen gab, dass er wohl nicht der Anstifter für ihre Situation war, sondern auch nur ein Opfer wie sie. Mal davon abgesehen, dass Smith im ganzen nur ein Opfer war und es auch irgendwie keine Überraschung war, dass er sich in dieser Misere befand. Aber warum ausgerechnet auch sie? „Es ist so dunkel …“, schloss er mit einem leisen wimmern ab.

„Bewahren Sie bitte ihre Nerven. Wir müssen versuchen, uns gegenseitig zu …“ Victoria konnte kaum glauben, dass sie nun dieses Wort gebrauchen würde. Tatsächlich blieb es ihr ohnehin im ersten Moment in der Kehle stecken, ehe sie es hervorwürgen konnte. „…helfen.“ Ein leichter Schauer lief ihr den Rücken hinab. Wobei es auch eine Maus sein könnte.

John nickte langsam, was natürlich niemand sehen konnte, und biss die Zähne zusammen. Vorsichtig versuchte er, seine am Rücken zusammengebundenen Hände zu bewegen, um etwas die Umgebung abtasten zu können. Dabei bekam er etwas Weiches zu fassen, worauf er sachte herumdrückte. „OI! Nehmen Sie ihre Drecksgriffel da weg!“, blaffte Victoria genervt und wütend, was Smith zusammenzucken ließ, „greifen Sie lieber weiter nach oben, um diesen übelriechenden Sack von meinem Kopf zu ziehen!“ „Ja, Ma´am“, kam es leicht verlegen von ihrem Kollegen, der versuchte herauszufinden, wo oben und unten für sie war.

Es dauerte eine Weile, bis er den richtigen Stoff zufassen bekam, und es gelang ihm tatsächlich, ihren Kopf zu befreien. Neugierig sah sich Victoria in der Dunkelheit um, da ihre Augen sich an das fehlende Licht gewöhnt hatten. Allerdings war es wirklich so dunkel, dass es schwer war, etwas auszumachen. Ihren Kollegen erkannte sie jedoch vor sich liegend, den Rücken ihr zugekehrt. „Bewegen Sie sich jetzt nicht“, befahl sie ihm, und robbte hinter ihm ein bisschen herum.

„OUCH“, brüllte er plötzlich, „haben Sie mir in den Finger gebissen?“ Ein laut des Entsetzens entwich ihm, doch er erhielt keine Antwort. Stattdessen fühlte er, wie das Seil um seine Hände sich langsam lockerte. Als er sich sicher war, Victoria ausversehen keine zu scheuern, schaffte er es, seine Hände zu befreien. Schnell zog er sich den Sack vom Kopf und setzte sich auf, um auch seine Beine von den Fesseln zu befreien, ehe er sich daran machte, seine Kollegin frei zu lassen, die ihm, kaum hatte sie ihre Hände frei, eine Ohrfeige verpasste. „Fassen Sie mich nie wieder so an!“, maulte sie.

Mit verzogener Miene rieb John seine Wange, und fragte sich, ob die Bisswunde am Finger nicht ohnehin schon Strafe genug gewesen war. Scheinbar ja nicht. Aber das tat nun auch nichts mehr zur Sache.

„Wo sind wir?“ Das war nun die wichtigere Frage, die die Professorin in den Raum warf, während beide versuchten irgendetwas zu erkennen. Da es wirklich viel zu dunkel war, erkannten sie nicht, dass sie nicht alleine hier gefangen schienen. Wo auch immer ´hier´ war.

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Die beiden Vögel hatten es nicht einfach, und mussten sich ihren Weg zum Schloss nach oben durch das miese Wetter kämpfen. Es schneite zwar nicht mehr so wild wie vor ein paar Tagen, doch der Wind war immer noch stark. Sie schienen stundenlang unterwegs zu sein, obwohl der Weg bei normalen Verhältnissen keine paar Minuten dauerte. Eigentlich war es ohnehin ein Wunder, dass sie die Nachrichten nicht verloren hatten. Hätte Bruce es tatsächlich geschafft, Bruce zu werfen, wäre der arme Affe irgendwo im Schnee stecken geblieben und gewaltig vom Kurs abgekommen, so stark war der Wind.

Doch selbst wenn sie nicht ewig zu den Empfängern gebraucht hätten, war es ohnehin egal, wann und wie sie ankamen. Die Bewohner des Schlosses lagen nach wie vor bewusstlos dort herum, wo sie umgefallen waren. Da die Eingänge und fast so gut wie jedes Fenster zugeschneit waren, mussten die beiden Vögel über ein gekipptes Fenster am Dach ins Schloss, über das auch die Eulen jeden Morgen kamen, um die Post in der großen Halle zuzustellen. Es stand noch leicht offen, drohte jedoch bereits fast zuzufallen, da der Schnee sich längst darauf türmte. Gerade als sie sich durchgezwängt hatten, fiel es auch schon hinter ihnen zu. Somit war es ihnen unmöglich, zu ihren Besitzern zurück zu kommen. Im Moment galt es ohnehin erst einmal diejenigen zu suchen, denen die Nachrichten galten, die sie in ihren Schnäbeln trugen.

Der Auftrag gestaltete sich jedoch als schwierig. So oft die beiden unterschiedlichen Federviecher die Menschen umkreisten, fanden sie einfach nicht jene Personen, denen sie die Nachrichten überbringen sollten. Der Papagei gab schnell auf, ließ sich auf dem Geländer der Treppe nieder und fluchte laut. Der Kolkrabe zog jedoch weiter seine Kreise und entdeckte bald Emilia, und ließ sich auf ihr nieder, flatterte ein wenig, um sie wach zu rütteln.

Langsam erwachte die Hufflepuff, was Herold dazu veranlasste, von ihr runter zu hüpfen und sich auf den Ravenclaw setzte, der neben ihr lag. Auch dieser erwachte, erschrak darüber, dass ein Rabe auf ihm saß und versuchte ihn zu verscheuchen. „Ich bin noch nicht tot, geh weg!“, brüllte er dabei und fuchtelte wild herum.

„Höre ich da tot?“, fragte plötzlich jemand neugierig in der Nähe, der sich kerzengrade aufgesetzt hatte. Interessiert lugte Irene zu dem Pärchen hinüber und sah dabei ein bisschen sehr creepy aus. Zu ihrem Leidwesen schüttelten beide ihre Köpfe. „Schade“, murmelte sie leise und legte sich wieder hin.

Nachdem Aiven den armen Raben fast erschlagen hätte, drückte Amy das Tier schützend gegen ihre Brust und bemerkte erst da den Zettel, den er bei sich trug. „Oh, meine Mutter hat mir geschrieben! Sie macht sich wohl sorgen und fragt sich was los ist … Es ist wohl nicht nur das Schloss an sich eingeschneit, sondern auch die Ländereien!“

„Krass. Ob das ein Zauber ist? Möchte mal wissen, was das für einer ist und ob wir den auch lernen!“, staunte AIven nicht schlecht und erhielt einen bösen Blick von Amy. Scheinbar war sie nicht so davon angetan, dass man so einen Zauber lernen könnte. Dabei war sie einfach nur nicht wirklich erpicht darauf, darüber nachzudenken, dass jemand so etwas immer wieder Zaubern könnte. Dieses eine Unglück reichte doch schon, wer wollte da noch einmal so etwas erleben?

Nachdem der Kolkrabe wieder frei war, flatterte er prompt zum Papagei, der sich immer noch ratlos umsah. Es war einfach nur ärgerlich, wenn man zu einer Aufgabe entsannt wurde, und diese nicht ausführen konnte. Doch zumindest etwas hatte das Auftauchen der Vögel bewirkt: Nachdem Amy und Aiven nun wach waren, machten sie sich daran, die anderen aufzuwecken, die quer verteilt herumlagen. Der Trank war wohl gehörig in die Hose gegangen.

Natürlich ließen manche Schüler es sich nicht nehmen, die Gesichter der Lehrer zu verzieren und sie in anrüchige Posen zu platzieren, wo sie zuerst Fotos von ihnen schossen, ehe sie sie aufweckten. Ein bisschen Spaß musste ja doch sein. Auch wenn es sie nicht wirklich befreite. Leider.

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