7. Dezember

Schneeflocken rieselten immer noch vom Himmel, und hüllten Hogsmeade in eine weiße Schneedecke, aber bei weitem nicht so schlimm wie auf den Ländereien der Schule. Vom Dorf aus war das Schloss gar nicht mehr zu sehen, aber man verschwendete ohnehin nie viele Blicke nach dem Gebäude. Wenn man an so einem Ort lebte, dann gewöhnte man sich an die Umgebung und es war nichts Besonderes mehr daran. Aus diesem Grund hatte auch niemand einen Gedanken über das seltsame Schneegestöber ein paar Meter weiter verschwendet. Man war eher damit beschäftigt, das Dorf auf den Ansturm der ungehobelten Schüler sicher vorzubereiten, damit diese nicht wieder alles verwüsteten. Jeden Dezember gab es Schaden in Galleonen-Höhe an den Wochenenden, an denen die Schüler stets die Erlaubnis hatten, ins Dorf zu kommen. Da heute Samstag war, und den gestrigen Abend der befürchtete Ansturm ausblieb, rechnete man heute mit dem Schlimmsten.

Allerdings war es schon fast Mittag, und niemand störte das idyllische Treiben der Dorfbewohner. Madame Rosmerta war etwas verwirrt und begann schon auf einem Rechenschieber nervös die Steine herum zu schieben und sich auszurechnen, ob sie sich bisher schon etwas gespart hatte, oder gerade stündlich Verluste machte, weil die Schülerschar ausblieb.

Die Verwirrung war natürlich groß. Man hatte so vieles vorbereitet und manche hatten sogar ihre Fensterläden zugenagelt, damit nicht wieder Fenster kaputt gingen, aber nichts geschah. Es herrschte sogar eine recht seltsame Stille im Dorf, wie Bruce empfand. Dabei hatte er sich schon mächtig darauf gefreut, dass David und John, gemeinsam mit Merida zu ihm kommen würden, und er seiner Nichte und seinem Neffen ein bisschen Schokolade schenken konnte, und ein paar Sickel heimlich zustecken konnte. Doch der erwartete Besuch blieb aus, und er alleine im Pub, wo er sich das dritte Butterbier genehmigte. Ob die drei ihn nicht mehr lieb hatten? Das stimmte ihn so richtig traurig, weswegen er sich einen siebenfachen Whiskey bestellte.

„Da ist aber jemand früh dran mit Whiskey. Aber recht haben Sie, irgendwo ist es gewiss schon Whiskey-Zeit!“ Gabriel Morgan hatte den Drei Besen betreten und gerade mitbekommen, wie Madame Rosmerta eine Flasche Whiskey auf dem Tisch vor dem Donovan stellte. „Ärztliche Anordnung“, murrte Bruce finster und goss sich ein, „auch etwas?“ Da sagte Gabriel natürlich nicht nein, und Rosmerta brachte schon ein weiteres Glas zum Tisch, froh darüber, dass der Dorfheiler nicht alles alleine austrinken würde. Zwar war auch hier alles Hogwarts-sicher gemacht, allerdings sollte man dennoch nichts riskieren.

Die beiden Männer saßen sich erst einmal schweigend gegenüber, schwelgten in der Stille, ehe der Krämer sich langsam umsah. „Ziemlich tote Hose hier, oder? Eigentlich hatte ich gehofft, jemanden zu treffen“, begann er seinen Besuch im Pub zu erklären und sah sich weiter um. Es war fast leer hier, ungewöhnlich für einen Samstag im Dezember.

„Wem sagen Sie das. Ich wollte mit meinem Cousin und seinen Kindern abhängen, aber keiner ist da …“, schniefte Bruce, der bereits drei Gläser Whiskey in seinen Mund gekippt hatte, als wäre es Wasser. Dass er immer noch dem Gedanken nachhing, es läge an ihm, verschwieg er einfach.

Gabriel kratzte sich am Kinn. „Mhm … scheinbar kommt gar keiner vom Schloss runter. Dabei ist es doch Tradition, dass jedes Wochenende Hogsmeadewochenende ist.“ Und wenn dem nicht so gewesen wäre, dann hätten ihm Frau und Tochter doch Bescheid gesagt.

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Tatsächlich wurde es für beide Männer im Laufe der Stunden noch sehr feuchtfröhlich. Aus Kummer, weil ihr Besuch ausblieb, leerten sie nicht nur eine, sondern zwei Flaschen. Eine dritte nahmen sie sich als Wegzehrung mit, nachdem sie beschlossen hatten, ihre Trauer nicht nur im Alkohol zu ertränken, sondern auch etwas dagegen zu tun. Also machten sie sich auf, selbst hoch zum Schloss zu gehen, um ihre Liebsten dort aufzusuchen. Sie wollten es nicht auf sich sitzen lassen, dass man sie alleine gelassen hatten. Aber vielleicht hatte ja irgendjemand da oben beschlossen, dass niemand ins Dorf runter gehen darf, oder sie hatten alle verschlafen, dass Wochenende war. Den beiden fielen einige Gedanken ein, die die Hogwartsbewohner davon abhalten könnte, das Dorf zu besuchen, vor allem Bruce war da sehr kreativ.

Sie hatten sehr viele und abwegige Theorien geäußert, während sie nach oben stapften, allerdings übertraf das, was tatsächlich hier los war, alle ihre Gedankensprünge. Eine große massige Schneemauer stand massiv vor ihnen, als sie endlich das Tor zum Gelände erreichten. Das geschwungene und hübsch verzierte Eisentor war noch zu sehen, aber dahinter war alles nur noch Schnee, der sich meterhoch türmte. Es würde auch nichts nützen, über die Mauern auf der linken oder rechten Seite zu klettern, da auch dort eine hohe Schneemauer stand. „Krass“, murmelte Bruce leise, während Gabriel ein paar Meter die Mauer entlang abging, um nach Lücken zu suchen. Erfolglos.

„Das Wochenende zu verschlafen klang irgendwie niederlicher als diese Eismauer!“, meinte der Krämer, „wir werden wohl eine Menge Schaufeln brauchen.“ Wobei ein Drache vermutlich effizienter wäre, aber daran dachten die beiden Betrunkenen im Moment nicht. Stattdessen trat Bruce auf den Schnee zu, lehnte sich dagegen und streckte seine Zunge raus, um daran zu lecken. „Schmeckt nach gar nichts“, seufzte er, ehe er kurz Whiskey draufspritzte und dann nochmal dran leckte. Ein Kichern entkam seiner Kehle, allerdings nicht lange. „Ach Miftkacke“, lispelte er plötzlich, was Gabriel dazu veranlasste, seinem Begleiter wieder Aufmerksamkeit zu schenken, ehe er in schallendes Gelächter ausbrach und sah, dass Bruces Zunge am Schnee klebte. Das hatte er nun davon. „So werden wir das Schloss aber auch nicht frei bekommen“, scherzte er und begann dann damit, den armen Heiler aus seiner Misere zu befreien.

Nein, hier würden sie wohl eine andere Idee brauchen. Den gesamten Schnee aufzulecken würde Monate dauern, vor allem da er seltsam robust wirkte und eine seltsame Kälte ausstrahlte. Außerdem würden sie davon sehr oft pinkeln müssen und sich vermutlich erkälten. Hier brauchte es eindeutig eine bessere Idee. Aber was?

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