6. Dezember

Nach dem gruseligen Abschluss des gestrigen Abends hatten die Schüler sich nur widerwillig zurück in ihre Gemeinschaftsräume begeben. Viel lieber hätten sie eine große Pyjamaparty geschmissen und sich zusammengekuschelt und getröstet. Aber natürlich versuchten die meisten von ihnen zu verbergen, dass ihnen das Geschehnis Sorge und auch etwas Angst bereitete. Hier ging etwas eindeutig nicht mit rechten Dingen zu. Tatsächlich schien irgendetwas hier zu sein, und gegen sie persönlich vorgehen zu wollen. Doch was war das? Der Teufel konnte es wohl kaum sein. Hexen und Zauberer waren nicht sonderlich religiös, auch wenn es eine geheime Sekte gab, die sich Zaubisten nannte, eine Religion, die Bones eingeführt hatte, aber das war es auch schon. Eigentlich glaubte hier niemand so wirklich an Himmel, Hölle, Gott und den Teufel, auch wenn die Hufabdrücke und das ganze Gruseltheater sehr darauf schließen ließen.

Natürlich hatten die Schüler keinen Gedanken daran verschwendet, das Chaos zu beseitigen, dass die fremde Macht da angerichtet hatte, weswegen Filch erst einmal einen halben Herzinfarkt erlitt, als er seine morgendliche Runde drehte. Er würde Stunden dafür brauchen, allen Dreck zu entfernen und die Stühle und Tische wieder in Position zu bringen und die Bücherregale aufzustellen und die Bücher einzusortieren. Darüber fluchte er sehr viel und nahm sich vor, die Übeltäter hart zu bestrafen. Professor Dumbledore würde ihm bestimmt erlauben, die Schandtäter an den Daumen von der Decke baumeln zu lassen.

Während er also griesgrämig wie immer seiner Arbeit nachging, bemerkte er nicht die seltsamen Runen, die unter dem Tisch erschienen waren, an dem die Schülergruppe zuvor gesessen hatte. Und selbst wenn, würde er es auch nur für Vandalismus halten.

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Viele Schüler waren an diesem Tag mehr als nur enttäuscht. Da es der Nikolaustag war, hatten viele ihre Stiefel geputzt und vors Bett gestellt, in der Erwartung, man würde ihn mit feinster Schokolade und Süßigkeiten füllen. Doch stattdessen rieselten aus allen nur Dreck, Ruß und Kohle. Ein paar der Erstklässler begannen sogar zu weinen, während man im Slytheringemeinschaftsraum schon davon sprach, dass an der gesamten Misere gewiss nur die dreckigen Schlammblüter schuld sein konnten. Schließlich steckte da der Dreck schon im Namen. Und da Dutton seit einem Tag unauffindbar war, konnte er auch nicht gegen diese Brut vorgehen.

Ein paar Hufflepuffs wollten diese Enttäuschungen allerdings nicht auf sich sitzen lassen, weswegen sie einfach mal die Küche plünderten und alles an Süßkram einsackten, was sie finden konnten. Zehra und Helena, als Anstifterinnen dieser Aktion, waren der Meinung, dass sie diese Sache nicht einfach auf sich sitzen lassen sollten. Früher hatten Dumbledore, oder hin und wieder sogar Smith, dafür gesorgt, dass die Schüler mit Schoko-Nikoläusen ausgestattet wurden an diesem Tag, da aber eine sich jedoch vollkommen seltsam verhielt und der andere vermisst wurde, mussten sie nun selbst ran, wenn sie diese Tradition bewahren wollten.

Aus diesem Grund standen an dem großen Eingangstor zur Großen Halle an jeder Seite drei Hufflepuffs, um den eintretenden Schülern und Lehrern eine Süßigkeit zu überreichen. Eine nette Geste, die sogar von den Slytherin gut aufgenommen wurde. Zum Teil zumindest. Manche empfanden es als Frechheit, dass sie nur eine Süßigkeit erhielten und nicht mehr, weil sie ja reich, angesehen in der magischen Gesellschaft und schlau waren. Nur klein Chiara Kingsley bekam feierlich eine Karotte überreicht, weil sie Süßkram ja megaeklig fand.

Somit wurde jeder glücklich gestimmt und der Tag schien perfekt zu werden.

Wäre das nicht fürchterlich kitschig und fürchterlich normal?

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Für den sich seltsam verhaltenden Schulleiter war das natürlich ein Dorn im Auge, nicht nur, weil die Schüler so rücksichtslos waren und überall ihre Süßigkeitebpapierchen herumliegen ließen. Ihm selbst hatten die Stafford-Zwillinge einen ziemlich großen Schokoladen-Nikolaus überreicht, um ihn vielleicht wieder nett und lieb stimmen zu können, doch er hatte abgewunken. Er brauchte keinen Zucker und war auch noch dagegen, dass an die gesamte Schülerschaft einfach so gestohlene Dinge aus der Küche verteilt wurden.

Auch wenn die meisten beteiligten Dachse nichts dafür konnten, wurden sie dazu verdonnert den übergreifenden Gemeinschaftsraum sauber zu machen. All jenen, die am Vortag bei dem seltsamen Ereignis dabei gewesen waren, behagte das natürlich so gar nicht. Am liebsten würden sie den Ort für immer meiden, da es doch recht gruselig gewesen war. Dennoch fügten sie sich der Strafe, die sie alle für unfair empfanden und begannen damit sauber zu machen.

Dabei entdeckten Amy und Evander die seltsamen Runen unter dem Tisch, den sie gerade auf die Beine stellen wollten. Der Oafert hielt es natürlich sofort für schmuddelige Kritzeleien, aber Amy, die Alte Runen belegt hatte, wusste natürlich, worum es sich handelte und versuchte die Worte zu entziffern. Da es ihr allerdings nicht gelang, holte sie schnell einen Notizblock hervor, um sich alles zu notieren und später nochmal in ihren Büchern nachschlagen zu können. Denn eines war ihr klar: Nach den seltsamen Vorkommnissen hatte das gewiss auch etwas zu bedeuten.

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Währenddessen hatten sich ein paar Lehrer in der Küche eingefunden. Sie wollten ungestört sein, und daher erachteten sie das Lehrerzimmer nicht als sicher. Dort könnte Dumbledore ja immer jederzeit reinplatzen, hier war es eher unwahrscheinlich, so wie der Schulleiter sich nun benahm. Katlyn hatte am Tisch platzgenommen und sah zu ihrem Kollegen hinüber, der sich gerade ein Törtchen genehmigte. „Wie können Sie in diesen Zeiten nur ans Essen denken?“, fragte sie seufzend und bekam von Farrell nur ein Schulterzucken, „drei unserer Kollegen sind verschwunden, Dumbledore verhält sich seltsam und irgendwas ist gestern passiert, was manche Schüler verstört hat.“ Caiden war gestern Abend noch in ihr Büro gekommen, völlig aufgelöst, und hatte darauf beharrt bei ihr übernachten zu dürfen. Sein Schlaf war unruhig gewesen und so ganz hatte die Kräuterhexe ihm nicht entlocken können, was vorgefallen war.

„Stressesser“, erklärte der Mann schmatzend und leckte sich etwas Schokoglasur aus dem Mundwinkel. Solang ihm nichts passierte war ihm alles andere so wirklich egal. Was juckte es ihn, wenn die Schüler mal eine Abreibung bekamen, und Dumbledore endlich seinem eigentlichen Job nachging. Das hier war immerhin eine Schule und der Schulleiter sollte sich nicht aufführen wie ein Irrer, der einer geschlossenen Abteilung entlaufen war.

„Der arme Junge!“, stellte Twyla fest, die gleich darauf ihre Schürze glatt strich und weiter am Teig knetete, den sie zubereitet hatte. Wenn sie schon in der Küche waren, dann wollte sie auch gleich die Zeit dafür nutzen, Kekse zu backen. Einen großen Haufen davon würde Farrell bekommen, beschloss sie.

MacNamara schüttelte den Kopf. „Auch wenn es jetzt noch nach einem Scherz aussieht, sollten wir das alles nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir sind als Lehrer immerhin für die Sicherheit der Schüler zuständig. Mein Sohn hat mir erklärt, dass das im Gemeinschafsraum nicht von Schülern angerichtet wurde.“ Er hatte ihr auch andre seltsame Dinge erzählt, aber sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte, weil es wirklich abwegig klang, selbst für diese Schule und für die Fantasie ihres Jungen. Aber als seine Lehrerin und vor allem als seine Mutter musste sie ihm doch Gehör schenken und der Sache nachgehen. Dass auch noch ein paar ihrer Kollegen verschwunden waren, machte die Sache nicht einfacher. „Hier geht irgendetwas vor!“

„Achwas. Das wird schon wieder. Nehmen Sie sich einen Cookie, Liebes, und trinken Sie einen Kakao! Dann sieht die Welt gleich wieder anders aus!“, flötete Twyla und schwang das Nudelholz, was eine Horde Hauselfen zur Aufforderung nahm, die Frau am Tisch mit allerlei Gebäck und Kakao zu versorgen. Diese seufzte jedoch nur.

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