4. Dezember

Tatsächlich hatte es bis zur Mitte der Woche gedauert, bis die Schüler von ganz alleine in großen Scharen zum Unterricht auftauchten. Während Dutton und Dumbledore sehr erfreut über diesen Umstand waren, war der Rest des Kollegiums eher mehr als misstrauisch. Schließlich kannten sie ihre Schüler nur zu gut, und dass die einfach so kleinbeigeben würden, daran glaubte wirklich niemand. Aber was planten sie? Und vor allem: Wen wollten sie mit ihrem Plan treffen?

Diese Frage stellte sich wirklich jeder im Lehrerzimmer, wobei manche einfach zu dem Entschluss kamen, dass ihnen nichts passieren konnte. Schließlich waren sie angesehene Professoren, wieso sollte man ihnen irgendeinen Streich spielen wollen, oder Schlimmeres? Gerade Frost, Farrell und Bones waren sich sicher, dass ihnen nichts passieren konnte. Auch bei Alston war man sich sicher, dass man genügend Respekt vor ihrem Alter haben würde, damit sie verschont blieb. Das stimmte tatsächlich, immerhin würde man einer betagten alten Lady nie etwas antun wollen. Auch Bagley genoss so viel ansehen, dass man sie auch lieber außen vor ließ.

Lestrange gehörte natürlich zu jenen, die sich keine Sorgen machen mussten, weil die Schüler zu viel Angst vor ihr hatten. Gehören müsste. Denn die Hauslehrerin für Slytherin war immer noch spurlos verschwunden, aber da sie bisher nie besonders gesellig gewesen war, nahm man einfach an, dass sie momentan die Gesellschaft der anderen einfach mied. Blackford hatte laut nachgedacht, dass Victoria vielleicht ihre Tage hatte und sich deswegen in ihrem Schlafzimmer einschloss, weil Frauen ja dann immer zu einer reißenden Bestie wurden. Aber ob das der Wahrheit entsprach?

Natürlich gab es auch jene Lehrer, die sich nicht so selbstsicher fühlten. Man musste eigentlich gar nicht erst raten, welcher aus dem Kollegium ein Exemplar dieser Spezies war. Da sich beim Frühstück bereits die Skepsis der Lehrer herumgesprochen hatte, waren die Schüler nun also gespannt, ob heute der Verteidigungsunterricht überhaupt stattfinden würde. Medea rechnete schon fest damit, endlich selbst einmal auf der großen Bühne stehen zu dürfen, und den Schülern tatsächlich etwas beibringen zu können. Daher hoffte sie mehr als alle anderen, dass der Waschlappen Smith nicht auftauchen würde, weil er Angst hatte.

Es war kein großes Geheimnis, dass John keinerlei Vergnügen dabei verspürte, sein Klassenzimmer zu betreten. Schließlich gab es genügend Schüler, die ihm nur zu gerne eins auswischen wollten. Zumindest bildete er sich so etwas nur zu gerne ein, wenn auch eher unbewusst. Dennoch mussten Niamh und Salome ihn an den Beinen ins Klassenzimmer schleifen, was natürlich für viel Gelächter sorgte und manche sich in Grund und Boden fremdschämen ließ.

Doch keinem der Lehrer passierte etwas, was die Kinder und Jugendlichen jedoch nicht minder seltsam wirken ließ. Irgendetwas war da im Busch. Man konnte die Spannung schon fast riechen. Und es war kein vergessenes Osterei, das da in der Luft lag.

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Da jedoch tatsächlich nicht wirklich etwas passierte, schien schneller als gedacht Gras über die Sache zu wachsen. Schon gen Nachmittag hin war alles vergessen und der Schulalltag nahm vollkommen normal seinen Lauf. So schnell wie sich etwas Verbreitete in diesem Schloss, so schnell schien auch wieder alles in Vergessenheit zu geraten, zumindest solange es sich nicht lohnte, es im Gedanken zu behalten. Witzige Dinge und Peinlichkeiten hielten sich natürlich lange, aber so etwas, wo man nicht genau wusste, ob überhaupt etwas passierte, waren schnell weg.

Sehr zum Glück der Leute, die bei der Operation Rauschebart mitmachten. Irgendwie war es dann doch noch gelungen, dass ein paar Schüler sich zusammengerauft hatten, um etwas auf die Beine zu stellen. Eigentlich hatten sie das schon in der Nacht, doch sie wollten wirklich nicht dabei gestört werden, sodass es wirklich wichtig war, sich zu benehmen, was allerdings bei den meisten auch schon wieder ziemlich auffällig war. Immerhin waren selten alle Schüler so artig wie heute und dennoch dachte beim Abendessen keiner mehr über die Sorgen des Morgens nach. Warum sollte man auch?

Nur wäre es für manche vielleicht besser gewesen. Denn kaum verließ Dutton, ein fröhliches Liedchen summend, die große Halle, wurde ihm schon ein großer roter Jutesack übers Gesicht gezogen und man fesselte ihn mit Lametta. In der Halle bekam davon niemand etwas mit, und die, die doch etwas sahen, ignorierten es einfach. Schließlich war es nur Dutton, der hier gekidnappt wurde. Um den musste man sich wohl keine Sorgen machen.

Doch auch jemand anderen ging es noch an den Kragen. Denn nicht nur der seltsame kleine Ministeriumstreue war das Ziel eines Anschlags. Letzterer war jedoch im Minutentakt geplant. Zumindest behauptete Jolene das, weil sie unglaublich cool und James-Bond-mäßig klingen wollte. Sie hatten sich sogar Codenamen für die Mission ausgedacht. Der Namen der Operation Rauschebart war auf Abbys Mist gewachsen. Für die Jutesäcke und das Lametta hatten James Edwards und Chiara Kingsley gesorgt und für die tollen Outfits – weil alle einheitlich schwarz gekleidet waren – hatte Scipio sich eingesetzt.

Um alles auch richtig festhalten zu können, hatten sie auch Yates dazu geholt, der mit seiner Kamera natürlich in einer Ecke rumcreepte und alles so gut es ging knipste. Loke hatte ihm dazu eine Vorrichtung gebastelt, die wie ein magischer Blitz funktionierte, damit er auch im Dunkeln fotografieren konnte. Da war immerhin das Licht schlecht und so hoch konnte man die ISO gar nicht hochschrauben, ohne danach böses Rauschen auf dem Foto zu sehen. Da war es besser, wenn es einen Blitz gab, der das Ganze ein bisschen aufhellte. Aber genug Technikgequassel. Auch andere Schüler aus andren Häusern waren eingeweiht worden. Aber nicht nur die.

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Irgendwie hatte Dumbledore es nicht für nötig gehalten, beim heutigen Abendessen in der Halle anwesend zu sein. Aus diesem Grund konnte er nicht gemeinsam mit Dutton hops genommen werden und man musste die gesamte Nummer etwas umdenken. Glücklicherweise hatte man daran aber schon zuvor gedacht, sodass Aiven es geschafft hatte, Smith nach dem Unterricht abzupassen, um ihn einzuweihen. Die Kinder wussten allesamt, dass der Professor viel lieber wie alle Jahre gegen Dumbledores Weihnachtswahn anging, als zu unterrichten. Diese neue und völlig seltsame Art des Schulleiters war für alle befremdlich, dagegen musste man einfach vorgehen.

Daher stand nun ein ziemlich nervös wirkender John vor den Wasserspeiern des Schulleiterbüros. „Was soll das heißen, dass Passwort ist nicht mehr Renntierschlittenwinterheizfelldecke?“, fragte er völlig entgeistert. „Genau das. Es wurde geändert, Anordnung vom Chef!“, erklärte einer der beiden mit einer befremdlich piepshohen Stimme. „Aber … ich muss etwas Dringendes mit ihm besprechen! Lasst mich doch hoch zu ihm“, protestierte Smith und stapfte dabei mit dem Fuß auf wie seine 4-jährige Tochter. Leider half das nicht viel, weswegen er kurzerhand einfach in seine Manteltaschen griff und nach den Malkreiden kramte, die er Merida abgenommen hatte, weil sie damit eine Wand im Ostflügel beschmieren wollte. „Ihr lasst mir keine andere Wahl!“, drohte er den Wasserspeiern und zückte die Malkreide. Glücklicherweise klappte der Plan sofort, und die beiden Steinfiguren sprangen zur Seite.

Hastig erklomm der Professor die Wendeltreppe und sah sich kurz um, als er einen Schatten spürte, der an ihm vorbeihuschte. Er wollte gar nicht wissen, woher die Schüler nun solche Ninjafähigkeiten her hatten. Stattdessen klopfte er gegen die Tür des Büros und wartete, bis der Schulleiter ihn zu sich hineinbat. Doch dazu würde es niemals kommen.

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Dutton war außer sich vor Angst, Wut und Verzweiflung. Rund um ihn herum war alles stockfinster und das einzige Geräusch, dass er vernehmen konnte, war das leise Tröpfeln von Wasser. Ob er sich in einer Höhle befand? Er war gewiss nicht mehr im Schloss, so viel stand fest. Aber wieso war ihm das nur passiert? Er hatte doch nichts getan! Gar nichts! Seine To-Do-Liste vom Ministerium lag noch unberührt in seinem Büro am Schreibtisch. Immerhin wollte er sich diese noch für später aufheben, wenn es wirklich spannend und interessant werden sollte. Aber nun saß er da, gefesselt auf einem Stuhl im Nirgendwo. Ob das Ministeriumsgegner waren, die ihn da entführt hatten?

„Haaaaallooooo … ich habe Geld … wir können doch über alles reden … möchten Sie eine Biographie geschrieben bekommen? Ich kann das … ich bin Autor!“, erklärte er vor sich hin brabbelnd, bis ihm nichts mehr einfiel, womit man Entführer bestechen könnte. „Oh, und ich werde erwartet heute! Ja, und … und man sucht mich bestimmt schon!“, fügte er noch an. Einmal hatte er für einen magischen Krimi recherchiert, da hatte er gelesen, dass es immer gut war, wenn die Opfer davon sprachen, dass man sie schon suchte oder erwartete. Da bekamen die Entführer immer Angst.

Er bekam jedoch keine Antwort. Denn die Schüler hatten ihn einfach auf den Stuhl gesetzt, betäubt und hatten gehofft, dass er erst einmal bis zum Morgengrauen schlafen würde. Doch Lecea hatte die Tränke vertauscht und anstatt Dutton den Schlummertrunk zu verabreichen, hatte sie ihm den gegeben, den eigentlich Ava bekommen hätte. Nun kann man sich schon denken, wer im morgigen Zauberkunstunterricht freudig vor sich hinschlummern wird, während der Muggelkundeprofessor nun munter vor sich hin brüllte. Bei so einer schlechten Organisation war es eigentliche in Wunder, dass sie die Entführung so glatt hinbekommen hatten.

Vor allem aber hatten sie die Umgebung mit sehr viel Hingebung und Liebe zum Detail gestaltet. Denn Dutton war in keiner Höhle, wie hätten sie das Schloss bei den Schneemassen draußen auch verlassen können? Nein, stattdessen hatten sie ihn in den abgelegensten Kerker gesteckt, der unter einem alten Vertrauensschülerbadezimmer lag, dass nach einem Rohrbruch für immer verlassen worden war. Daher tropfte es auch an mehreren Stellen, und man hatte Töpfe und Pfannen darunter gestellt, um das Wasser aufzufangen. Angeblich machten die Hauselfen damit den Morgentee der Schüler, aber das war eigentlich nur ein Gerücht, dass entstanden war, als man in Hogwarts von Sparmaßnahmen zu sprechen begann.

Der kleine Professor wusste von all dem natürlich nichts, weswegen er weiter laut um Hilfe rief, und versuchte auf sich aufmerksaum zu machen. Nur eine kleine Maus lief kurz über seine Füße, was ihn wie ein ängstliches Kind aufschreien ließ, weil er ja durch den Jutesack und die Dunkelheit nicht sehen konnte, was um ihn herumpassierte. „Ich will hier raus! Sofort!“, versuchte er es noch einmal mit Nachdruck. Doch auch das blieb ungehört. Er würde hier wohl auf ewig versauern.

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