23. Dezember

Nachdem Twyla zwei Tage zuvor ihren Kollegen abgeschleppt hatte, fehlte seither jegliche Spur von ihr. Nur der kleine Professor war jedoch wieder aufgetaucht. Noch immer sah man den Professoren die wilde Party an, was die Schüler immer wieder zu dämlichen Sprüchen hinreißen ließ. Was konnte man schließlich anderes erwarten, wenn die alten Menschen allesamt eine Feier schmissen, und ihnen diese nun tagelang nachhing. Allem voran waren die meisten auch nur beleidigt, dass sie nicht eingeladen worden waren. Man hätte daraus ja ne fette Sause machen können.

Was aber nicht hieß, dass die Schüler sich nicht anderweitig amüsiert hätten. Joe und Abby hatten sich zum Beispiel mit den Havishams ziemlich vergnügt. Nicht jetzt das, was ihr denkt. In diesem Kalender würde es nie um das andere gehen, schließlich könnten auch Kinder mitlesen. Also wirklich, ihr Ferkelchen. Nein, damit ist nur gemeint, dass sie ein paar Gemeinheiten an den beiden Jungen ausließen. Beide liefen nun mit kahlen Eierköpfen und ohne Augenbrauen herum und waren nun ziemliche Lachnummern, auch wenn James es geschafft hatte ein Toupet aufzutreiben.

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Irgendwann, während er so aus dem Fenster gestarrt hatte, war Christian dabei eingeschlafen. Er saß zusammengesunken auf dem Fenstersims, mit dem Kopf gegen die Scheibe gelehnt, und die Schneekugel hielt er nur noch leicht in der Hand. Glücklicherweise war der kleine Colin gerade in jenem Moment in den Raum gekrabbelt und hatte nach dem hübschen Ding gegriffen, als der Griff des Mannes sich endgültig lockerte und die Kugel zu Boden fiel. So geschickt wie ein Kleinkind nur sein konnte, fing Colin das, was er für ein Spielzeug auf und machte sich auch schon wieder aus dem Staub. Sein Stiefdaddy hatte bestimmt nichts dagegen, wenn er mit dem Ding spielte.

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Eigentlich hatte vom heimlichen Duellierclub so gut wie keiner ein Auge zu gemacht, bis auf die beiden noch immer hoch alkoholisierten Professorinnen natürlich. Viel zu sehr war man damit beschäftigt einen Plan zu kreieren, um herauszufinden, ob Dutton besessen war. Natürlich wurden mit Wörtern wie Weihwasser und Holzkreuzen um sich geworfen, auch Steinsalz war ein hochbeliebtes Wort in den letzten Stunden geworden, ebenso wie Eisen, doch in der Schulbibliothek ließ sich nichts darüber finden. Äußerst ärgerlich, dabei hatten sie über Nacht ein paar Bücher entwendet und mit in den Kerker gebracht. Sogar die Löwenbande brütete über dicken Wälzer und tat so, als ob sie wirklich sinnerfassend lesen konnten.

Jeder war so vertieft in die Lektüre, dass niemand bemerkt hatte, wie sich Schritte näherten. Leeroy hatte als Spürhund versagt, weil der Geruch von Alkohol zu stark in der Luft lag und seine Sinne völlig benebelte. „Hier sind Sie also alle“, erklang es plötzlich laut, was viele herumfahren ließ. Manche sprangen auf, zückten ihren Zauberstab, hielten jedoch dann inne. Dumbledore stand im Eingang, mit verschränkten Armen und musterte die Anwesenden. „Diebstahl von Büchern und heimliche Versammlungen sind verboten. Auch dann, wenn drei Lehrer – mehr oder weniger – anwesend sind!“

Stille breitete sich aus, nur das leise Schnarchen der Lehrerinnen war zu hören, ehe sich Smith wieder zusammenreißen konnte und zu dem Schulleiter ging. „Sir, ich bitte Sie, wir haben nur versucht etwas herauszufinden. Bestrafen Sie nicht die Schüler, sondern mich, aber hören Sie uns zuerst zu!“, bat der untersetzte Mann und war erleichtert, dass der Alte vor ihm nickte. Kurz darauf erklärten sie ihre These, dass das, was in der Ziege gewesen war, nun in Dutton sein könnte.

„Nun, das ergibt durchaus Sinn. Ich habe schon ähnliches vermutet. Aber wie vernichten wir es?“, wollte Dumbledore wissen. Diese Frage hatte sich bisher noch niemand gestellt. Vernichten. Eigentlich wollten sie erst einmal nur die Bestätigung, dass ihre Vermutung richtig war, aber es zu vernichten, dass war wohl ein Schritt weiter, an den bisher noch niemand gedacht hatte. Wozu auch? Schließlich erforderte es ein bisschen Gewalt, und wer war dazu schon bereit?

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Da sie alle kaum geschlafen hatten, schickte der Schulleiter sie in ihre Gemeinschaftsräume. Nur die Professoren würden nun weiter nachforschen, sodass die Schüler sich etwas ausruhen konnten. Allerdings war für Amy gar nicht erst dran zu denken. Da Aiven aber doch recht müde schien, ließ sie sich dazu überreden, in den Übergreifenden Gemeinschaftsraum zu gehen, um sich dort auf einem der Sofas zusammen zu kuscheln. Davor sah sie jedoch ziemlich nachdenklich aus dem Fenster. In diesem Jahr schien alles so mysteriös und seltsam. Der viele Schnee, die besessene Ziege, und jetzt der besessene Professor. Das klang alles nach einem Muggelhorrormärchen. Sie hatte Angst, selbst langsam verrückt zu werden.

„Kommst du?“ Aiven hatte es sich längst bequem gemacht und schlief schon fast. Seine Stimme war nur mehr ein leises Murmeln.

„Ja, sofort“, antwortete Amy seufzend, „weißt du? Ich dachte, dass es dieses Jahr ganz angenehm werden könnte. Stattdessen stecken wir alle schon wieder in großen Schwierigkeiten und bei all den Problemen hab ich langsam auch das Gefühl, dass ich wahnsinnig werden. Ich meine … die Wolke da oben sieht aus wie Colin!“ Eigentlich war ihr das gerade erst aufgefallen, weswegen sie genauer hinsah. Die Wolke sah nicht nur aus wie ihr Stiefbruder, er bewegte sich auch genauso wie er und sabberte vor sich hin. Es wirkte auch gar nicht wirklich wie eine Wolke, sondern eher wie eine Projektion am Himmel. „Was bei Merlins ungewaschener Unterhose geht hier vor sich?“

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Währenddessen tauchte im Dorf eine Gestalt auf, die durch die leeren Stuhlreihen schritt, die noch von der Hochzeit vom Vortag herumstanden. Nachdem die Party gestern noch länger gedauert hatte, hatte man ans Aufräumen nicht mehr gedacht. Vor allem hatten die Dorfbewohner endlich wieder alle Hände voll zu tun mit den Hochzeitsgästen, die allesamt verköstigt werden mussten und eine Ruhestätte gesucht hatten. Schade, dass der Eberkopf nach wie vor geschlossen war, auch wenn vermutlich niemand freiwillig dort geschlafen hätte. Das Brautpaar selbst war in Madame Puddifoots untergekommen, wo es passenderweise eine Honeymoon-Suite gab.

Niemand achtete also auf den Neuankömmling, der langsam den Weg hoch zum Schloss einschlug und danach ziemlich ratlos vor einer Mauer aus Schnee zum Stehen kam und nachdenklich über seinen weißen Bart strich. Irgendwie hatte er das alles anders in Erinnerung, als er fort gegangen war. Ob das vielleicht ein Fehler seinerseits gewesen war? Hier fehlte es eindeutig an Weihnachtsstimmung.

So wandte er sich also um, und suchte nach einem anderen Weg. Am eisernen Tor zu Hogwarts hing nun jedoch auf mysteriöse Weise ein hübsch verzierter Türkranz.

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Natürlich hatte Amy ihren Freund sofort geweckt, oder es zumindest versucht. Der hatte nämlich einfach keinen Bock mehr und wollte sich nicht bewegen. Also war die Hufflepuff losgelaufen, um ihre Entdeckung mit anderen zu teilen. Dabei lief sie Aneurin über den Weg, dem sie sofort die Kamera klaute, um ein Bild von der Erscheinung zu machen. Danach verdammte sie ihn dazu, es sofort zu entwickeln, damit sie Beweise hatte.

Damit gingen die beiden zu den anderen Mitgliedern des Duellierclubs. Dabei fand sie jedoch zunächst nur Leandra, Olivia und Abby. Erstgenannte war gerade dabei, den Papagei Sindbad zu füttern. Natürlich war auch der Rabe von Amys Adoptivmutter anwesend. Dieser hatte sich bisher immer eher zurückgezogen, und versucht einen Weg nach draußen zu finden, weswegen Amy ihn nicht allzu oft zu Gesicht bekommen hatte.

„Seht ihr das? Das ist doch keine Wolke!“, schloss sie ihre Erklärung ab und hielt den drei Mädchen das Bild unter die Nase. Sofort hatte Abby eine Lupe bei der Hand, und eine normale Glasbrille auf der Nase, damit sie schlauer wirken konnte, weil sie gerne Sherlock Holmes spielte. „Mhm, da ist etwas Wahres dran“, murmelte sie vor sich hin.

Emilia war erleichtert, dass man sie nicht sofort als verrückt abstempelte. Aiven hatte versucht ihr weiß zu machen, dass sie nur einen Lagerkoller hatte und ihre Familie vermisste. Das stimmte zwar, aber deswegen sah sie doch keine Fatamorgana!

„Wir sollten das einen der Erwachsenen zeigen“, schlug Leandra vor und bekam Zustimmung. „Ja, aber …“, begann Amy kurz darauf und sah zu den beiden Vögeln. „Vielleicht sollten wir Herold und Sindbad losschicken, um das Dorf zu erreichen. Eventuell haben die auch eine Lösung.“

Glücklicherweise hatte Aneurin ihr mehrere Abzüge von dem Bild entwickelt, sodass es möglich war, die Vögel mit je einem Brief und Bild auszustatten, falls einer verloren gehen sollte. Mit den bebrieften Vögeln machten sich die vier also auf, zum Astronomieturm, wo sie sich erhofften, die Tiere losfliegen lassen zu können.

Es war nicht einfach, doch mit vereinten Kräften schafften sie es tatsächlich, die vollkommen vereiste Tür zumindest so lange aufzudrücken, damit die Federviecher durch den Spalt entkommen konnten. Hoffentlich schafften sie es. Währenddessen versuchten sie, einen der Lehrer zu finden.

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Dieses Unterfangen dürfte sich jedoch als schwierig herausstellen. Der geheime Kerker war längst verlassen, denn die Gruppe hatte sich kurzzeitig in das Schulleiterbüro verlagert. Mittlerweile standen Albus und John, genauso wie Katelyn und Victoria jeweils an Ecken verteilt, um Dutton auflauern zu können. Sie hatten tatsächlich eine Möglichkeit gefunden, um zu testen ob der Muggelkundeprofessor nun besessen war oder nicht.

Dazu mussten sie ihn jedoch erst einmal finden, was sich als äußerst schwierig herausstellte. Denn obwohl gerade der Muggelkundeunterricht hätte anfangen sollen, erschien der Professor nicht zu seinem Unterricht, und das obwohl er bisher immer darauf bestand, dass alle ihre Arbeitszeiten strikt einhielten und die Schüler zu jeder Stunde zu erscheinen hatten. „Scheinheiliger Uhu“, murrte Katelyn vor sich hin, während sie hinter der Ecke zum Klassenzimmer auf der Lauer lagen und der Zeiger der Uhr längst über die volle Stunde drüber war.

„Vielleicht hat er etwas bemerkt. Sonst wäre er doch längst bei der Arbeit“, murmelte Victoria besorgt und seufzte. Irgendwie hatte sie sich das tatsächlich einfacher vorgestellt.

Hätte sich doch nur eine der beiden Frauen umgewandt, denn dann wäre ihnen nicht entgangen, dass der Kollege plötzlich hinter ihnen aufgetaucht war, und mit einem einzigen Zauberstabwink beide in Fesseln legte und stumm zauberte.

Glücklicherweise hatten Albus und John jedoch damit gerechnet und hatten sich hinter dem nächstbesten Wandteppich versteckt. Sofort sprangen sie hervor und machten dasselbe mit Dutton wie er gerade mit den beiden weiblichen Professoren. „Ha!“, rief Smith triumphierend aus. Doch er hatte  sich zu früh gefreut. Plötzlich fielen die Fesseln einfach wie von Geisterhand von dem Körper des alten Mannes ab, und er starrte die beiden wütend und mit rot glühenden Augen an. „Wie könnt ihr es wagen?“

„Ups“, entfuhr es John dann nur mehr. Dutton kam langsam näher, wehrte jeden Zauber ab, denn die beiden Männer auf ihn abschossen. Tatsächlich schaffte er es, nach einem kurzen Duell, beide zu entwaffnen und zu Boden zu werfen. Somit waren alle vier Lehrer außer Gefecht gesetzt. „Meine Geduld ist langsam am Ende, daher verzeiht, wenn ich alles etwas einfacher gestalte“, erklärte er, und zählte dann laut aus, wenn er als ersten töten würde.

Tatsächlich hatte Dumbledore noch einen Backup-Plan für den Backup-Plan. Aus diesem Grund kam, gerade als Dutton sich dafür entschied, Victoria als erstes kalt zu machen, hinter der nächsten Ecke die Ziege angelaufen. Von hinten rammte sie ihre Hörner in den Allerwertesten des kleinen Mannes, der vor Schmerz aufjaulte und den Zauberstab fallen ließ. Sofort schnappte sich das Tier den Stab und lief polternd davon. „Gut, dass Lieselotte so eine treue Seele ist“, seufzte der Schulleiter und rappelte sich langsam auf, und eilte den beiden Frauen zu Hilfe.

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Mit vereinten Kräften schafften die beiden Vögel es tatsächlich nach stundenlangem Irrflug zum Dorf. Jedoch gelang es ihnen nicht, so erschöpft wie sie nach diesem Höllenflug waren, die richtigen Empfänger sofort anzupeilen. Aus diesem Grund ließen sie sich zur Rast erst einmal auf den nächstbesten und ruhiggelegensten Baum nieder, um etwas zu verschnaufen. Dort wurden sie von der Gestalt gefunden, die immer noch um die Mauer herumschlich und nach einem Weg zum Schloss suchte.

Aufmerksam fütterte er die beiden Tiere, gab ihnen auch etwas zu trinken und nahm dem Kolkraben seine Fracht ab. „Bei Merlin …“, murmelte er vor sich hin, während er alles las, „könnte, es sein …?“ In dem Brief standen alle bisherigen Entdeckungen, die die Schüler des geheimen Duellierclubs gemacht hatten. Auch eine genaue Beschreibung zum Bild lag bei, die der Mann eingehend studierte. Er war zu lange weg gewesen. Wäre er hier geblieben, wäre es gewiss auch passiert, aber er hätte sofort gewusst, was zu tun wäre. Bestimmt. Wobei er auch erst auf dieser Reise von gewissen Dingen und Vorhaben gewisser Leute erfahren hatte. Also vielleicht war sein Fortbleiben doch gar nicht so schlecht gewesen.

Ohne weiter nach einem Weg zum Schloss zu suchen, wandte er sich gen Dorf und eilte den Hügel hinab. Allein konnte er das gewiss nicht meistern. Außerdem wollte er die Vögel, die nun links und rechts auf seiner Schulter saßen, zu seinen Besitzern bringen.


 

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