22. Dezember

Der nächste Tag begann für viele Erwachsene im Schloss ziemlich schleppend. Die Lehrer hatten sich ziemlich die Kante gegeben, wenn auch eher ungewollt und unbewusst. Dem einzigen, dem es gut zu gehen schien – von denen, die getrunken hatten – war Blackford, aber diesem Mann ging es erst schlecht, wenn er jemals nüchtern werden sollte.

Victoria und Katelyn hatten es irgendwie geschafft, zusammengekuschelt im Lehrerzimmer auf dem Sofa in der Ecke einzupennen, während Twyla gestern Nacht noch Dutton abgeschleppt hatte. Farrell hatte sich indes an Frost rangemacht und wäre fast in ihrer Oberweite erstickt. Im Prinzip hatten doch alle sehr viel Spaß auch wenn sich kaum jemand mehr daran erinnern konnte. Vor allem wusste keiner mehr, wer in die Mitte des Lehrerzimmers gekotzt hatte. Es waren auch noch ein paar andere Dinge passiert, bei denen es nur gut war, dass sie vergessen worden waren.

~*~*~*~

Im Dorf unten wünschte sich jemand, er hätte vergessen heute aufzustehen. Der Tag der Tage war gekommen. JT blickte leer in den Spiegel und versuchte sich noch einmal einzureden, dass es alles nur für einen guten Zweck war. Aber hätte es nicht auch gereicht, wenn sie nur so getan hätten? Die Schlagzeilen hatten sich die letzten Tage nicht verändert, und würde die Hochzeit nicht stattfinden, würde es nur noch mehr Stoff für die Zeitungen geben, und der Minister kam nicht mehr vor. Doch Kijada freute sich nun schon so sehr auf die Trauung, dass es wohl ne ziemliche Arschaktion wäre jetzt einfach abzuhauen. Außerdem könnte es auch eine Menge Ärger bedeuten, schließlich hatten nicht nur seine Eltern, sondern auch die von Kijada nun eine Menge investiert und ein Haufen Leute waren eingeladen worden und was der Lord wohl am Ende sagen würde, wenn JT bei so etwas einfachem den Schwanz einzog, daran wollte er erst gar nicht denken.

Also blieb dem jungen Mann nichts anderes über, als diesen Tag durchzustehen und zu überlegen. Dann war er zwar vom Markt und konnte mit niemanden mehr flirten, aber vielleicht gab es auch irgendwelche Vorzüge, die ihm gewiss später dann einfallen würden. Irgendwie würde er sich wohl damit arrangieren können.

Jada hingegen war Feuer und Flamme. Sie war schon lange wach und beim örtlichen Frisör, um sich die Haare und das Make-Up machen zu lassen. Sie hatte glücklicherweise noch ein Kleid von einem berühmten magischen Designer ergattern können. Es war ein figurbetonter Meerjungfrauenschnitt, der sich eng an ihre Taille schmiegte und eine lange Schleppe besaß die ein paar Reinblutkinder tragen durften. Die Klanführerin war sich sicher, dass sie damit JT umhauen würde. Auf der Hexenwoche würde sie damit gewiss zumindest auf einer Doppelseite landen.

~*~*~*~

Im Gegensatz zu den anderen Lehrern, waren Smith und Dumbledore irgendwann aus dem Lehrerzimmer abgehauen, obwohl sie zuvor noch darüber debattiert hatten, ob es nicht sinnvoller wäre, auf die betrunkenen Kollegen aufzupassen. Da sie jedoch dann auf wichtigere Themen kamen, entschlossen sie sich, dass es einfacher war, die Tür abzuschließen, damit niemand mehr rauskam und keinen Unfug treiben konnte. Wäre ja peinlich, wenn die Schüler von dem Zustand der Professoren erfahren hätte. Dabei hatte niemand bedacht, dass Farrell, wenn er erst einmal genug getrunken hatte, zu einem ziemlichen Halunken wurde, und es nach langem herumwerkeln schaffte, das Schloss zu knacken, was ihm eine Kusstirade der Damen einbrachte.

Davon bekamen Albus und John jedoch nichts mit. Die beiden waren längst in das Schulleiterbüro verschwunden. Während die anderen sich am Punsch ergötzt hatten, waren die beiden ins Gespräch gekommen und da Smith schon immer eine Plaudertasche war,  hatte er sich natürlich nicht im Zaum halten können, und von all den wilden und wirren Dingen erzählt, die in letzter Zeit so passiert waren, und fragte tatsächlich nach, wieso der Schulleiter sich so seltsam verhielt.

Überrascht wegen der Offenheit ließ sich Dumbledore auf das Gespräch ein und plauderte, wenn auch nicht viel, aber immerhin. So kamen sie also in sein Büro, wo er Smith die Ziege zeigte, die mittlerweile nicht mehr angekettet war, sondern in einem Heuballen herumwühlte. Glücklicherweise half das Mittel von Madame Pomfrey, um einen Niesanfall zu verhindern, denn sonst hätte Smith niemals die Informationen bekommen, die darauf folgten.

~*~*~*~

Auch wenn es lange gedauert hatte, waren die betrunkenen Lehrer tatsächlich gestern entkommen. Aneurin hatte ein paar sehr beeindruckende Bildchen geknipst. Am besten gefielen der männlichen Schülerschaft das Bild, auf dem sich zwei Professorinnen wild küssten. Wenn das Kollegium je davon Wind bekommen würde, war der Hufflepuff geliefert. Aber er war auch immer an den ungünstigsten Momenten an Ort und Stelle, um diese Momente festhalten zu können. Sein Traumberuf war es, später Mal Paparazzi zu werden. Im Schloss konnte er sehr gut dafür üben.

Jedenfalls waren Abby und Joe gerade voll dabei die beiden Havishams ein bisschen zu foltern, um an Informationen zu kommen. Was eigentlich gar nicht schwer war, denn Abby brauchte nur ein Feuerzeug unter die Pornosammlung von James zu halten, was ihn sofort in ein weinerliches Etwas verwandelte. „Nein bitte! Dutton will doch nur, dass wir alle ausspionieren!“, plärrte er sofort los, aber da Joe diese Schmuddelheftchen eklig fand, fackelte sie diese danach einfach doch ab.

„Neeeeein, was tut ihr denn?“, jaulte Farrell, der in die Szene platzte und versuchte die brennenden Magazine zu retten. „Die wertvollen Texte!“ Eigentlich war es ein Wunder, dass er noch verständliche Sätze zustande brachte, was aber nicht hieß, dass seine Augen nicht beeinträchtigt wären. Schließlich sah er nicht, dass es sich bei dem brennenden Gut nur um Schmuddelhefte handelte, sondern dachte, dass es ein Magazin über Zaubertränke wäre. Also verbrannte er sich die Finger für etwas vollkommen Sinnloses.

~*~*~*~

Das Dorf war ebenso herausgeputzt wie die Hochzeitsgäste. Eine eisige Schneehochzeit war geplant worden. Auf dem Hauptplatz waren weiße Stühle platziert worden, ebenso ein großer Bogen, mit weißen Blumen geschmückt. Eigentlich war alles so schön kitschig, dass man Regenbogen kotzen könnte. Alles musste einfach perfekt sein, schließlich heirateten hier und heute ein paar der oberen Riege. Da musste man schließlich auftrumpfen. Vor allem wenn es eine reine PR Hochzeit für die Presse war.

Die Stühle füllten sich ziemlich schnell. Die Einladungen waren an Familie und Freunde ausgeschickt worden, aber auch an alle anderen, die einen Rang und Namen hatten. Der Hauptplatz war also ziemlich voll, was JT ziemlich nervös machte. Es war so viel Presse anwesend, dass man Angst haben könnte, dass jeder Fehltritt sofort protokolliert werden würde. Das machte die Angst groß, schon bei dem Gang nach vorne über den Teppich zu stolpern und der Länge nach hinzuschlagen. Ein gefundenes Fressen für die Journalisten.

Glücklicherweise schaffte er es, ohne ein Stolpern nach vorne zum Bogen zu laufen, wo er aufgeregt auf seine Jada wartete. Die Musik setzte ein, und die Spannung wurde größer, bis sie endlich zwischen den Stühlen nach vorne auf ihn zu schritt. Genau in diesem Moment war es ihm fast so, als würde die Schwerkraft an ihm ziehen. Ihr Anblick war umwerfend. Wortwörtlich.

~*~*~*~

Nachdem Smith ein paar neue Informationen hatte, wollte er sofort alles seinen Kolleginnen erzählen. Mittlerweile war es tatsächlich schon später Nachmittag, und es war ihm gelungen ein Treffen des Clubs einzuberufen. Völlig unerwartet waren die Schüler pünktlicher als Katelyn und Victoria, die beide mit Sonnenbrillen und ziemlich bleich in den Kerker stolperten. Irgendetwas an ihrem Anblick verriet John, dass es wohl keine gute Idee gewesen war, die Party zu verlassen und die Kollegen sich selbst zu überlassen. Andererseits amüsierte es ihn auch, die beiden so k.o. zu sehen, und er freute sich, dass er nicht in so einem Zustand war.

„Also, können wir dann?“, fragte er die Anwesenden, vor allem die beiden Frauen, die sich in einer Ecke niedergelassen hatten und nur mit der Hand Zeichen gaben, dass er fortfahren sollte, „auch wenn der Plan nicht ganz so funktioniert hat, wie er sollte, konnte ich doch etwas herausfinden. Wir wussten ja schon, dass das Fell zu einer Ziege gehört. Aber Dumbledore hat diese Ziege gefangen genommen, nachdem sie anscheinend Dutton, Victoria und mich entführt hatte. Er vermutet, dass sie besessen war. Die Betonung liegt auf war, denn nun scheint sie wieder völlig normal zu sein. Dieser Geist oder der Dämon ist entweder weg …“, an dieser Stelle machte er eine theatralische Pause, „oder, was viel schlimmer ist, wo anders untergekommen.“

Die Schüler lauschten, während von den beiden Lehrerinnen ein leises Schnarchen zu hören war. „Sie sagen also, dass ein Dämon oder ein Geist hier sein Unwesen treibt?“, fragte Olivia etwas ungläubig nach. Von Besessenheit hörte man ja eigentlich in der magischen Welt eher so gut wie gar nichts. Viel mehr klang es nach einem Muggelmärchen.

Vollkommen ängstlich setzte sich Caiden neben seine schlafende Mutter. „Also war das alles eine besessene Ziege und keine Einbildung?“, murmelte er leise vor sich hin und klammerte sich an den Arm von Katelyn, die allerdings nicht reagierte. Vorsicht rüttelte er an ihr, um sie wieder zu wecken.

„Ja genau. Professor Dumbledore versucht noch herauszufinden, wo genau das Unwesen jetzt hin ist. Vielleicht können wir ihm ja helfen“, schlug John vor und hörte ein Raunen, dass durch die Gruppe ging. Niemand war wirklich scharf drauf, Dämonen zu jagen. Man war hier schließlich nicht bei Supernatural.

In diesem Moment sprangen Abby und Joe auf, lehnten sich Rücken an Rücken und grinsten breit. „Ich glaube wir müssen nichts suchen“, erklärte Abby. Verständnislose Blicke trafen sie. „Wir haben gestern die Havishams ausgequetscht und haben auch etwas erfahren können“, gab Joe stolz von sich.

„Könnt ihr bitte endlich zum Punkt kommen?“, bat Leandra etwas genervt und versuchte nun auch ihre Mutter wach zu rütteln. Wie peinlich so etwas doch war, wenn die eigene Mutter im Vollrausch so laut schnarchte.

„Achso ja …“, lachte Abby. Da war ja noch was. Die wichtige Information nämlich. „Dumbledores Armee wurde von Dutton umbenannt, in Duttons Armee. Aber das ist nicht die heiße Info. Dutton scheint ziemlich irre geworden zu sein, richtig durchgeknallt. Scheinbar verlangt er blinden gehorsamen und seltsame Dinge von den Mitgliedern seiner Truppe.“

Na das war doch einmal eine Info. Plötzlich erinnerte sich Smith wieder an das seltsame rote Funkeln in den Augen des Muggelkundeprofessors. „Dieses Ding steckt in Dutton!“, stellte er also fest.

~*~*~*~

Nachdem JT kurzzeitig ohnmächtig geworden war, lief die Hochzeit weiter wie man es von einer Hochzeit gewohnt war. Leider gab es tatsächlich keine amüsanten Zwischenfälle mehr. Niemand vergaß die Ringe, niemand übergab sich, oder heulte übermäßig peinlich und im Gegensatz zu den Lehrern im Schloss, ließ sich hier auch niemand bis zur Besinnungslosigkeit volllaufen. Es war eine wirklich hübsche Hochzeit.

Christian war glücklich darüber. Schließlich war es genauso, wie er es geplant und sich vorgestellt hatte. Die Nacht war längst voran geschritten und Isa schlief längst, während er am Fenster stand, zu dem Schneegestöber hinaufblickte, in dem das Schloss weiter versank und abwesend seine Schneekugel streichelte.

Nach oben