17. Dezember

Das Märchen der Schneekugel

Es war einmal ein kleines Mädchen, dass in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Sie hatte es nicht leicht, lebte mit ihrem Vater und ihrem Bruder in einer Hütte im Wald, abgeschieden von allen anderen. Seit dem Tod ihrer Mutter musste sie sich um die beiden Männer kümmern, für sie kochen und putzen, dabei wollte sie einfach nur eine normale Kindheit genießen.

Da der Vater dagegen war, die beiden Kinder in die örtliche Schule zu schicken, übernahm er die Erziehung und lehrte alles, was er wusste, jedoch nur seinem Jungen. Das Mädchen, so empfand er, war es nicht wert etwas zu lernen. Sie war nur dazu da, um den Haushalt zu machen. Dabei hatte er beide seiner Kinder geliebt, bis zu dem Tag, an dem das Jüngste elf Jahre alt wurde, und keinerlei Magie aufwies. Eine Schande für ihn und seine gesamte Familie, von der nur noch er und sein Sohn über waren. Das Mädchen verdammte er von nun an so zu schuften und zu arbeiten wie eine Hauselfe, denn mehr war sie in seinen Augen auch nicht wert.

Willig wie sie war, fügte sie sich ohne jeglichen Widerstand. Sie selbst fühlte sich, als würde ein Fluch auf ihr lasten, da sie Schande über den guten Namen der Familie gebracht hatte. Denn auch wenn sie arm wie Kirchenmäuse waren, so besaßen sie dennoch Reichtum. Ihr Blut, oder zumindest das ihres Vaters und Bruders, war rein. Nur sie war der Makel, den der Stammbaum seit dem letzten Jahrhundert aufzuweisen hatte.

Eines Tages, nachdem der Vater wieder nach zu viel Elfenwein eingeschlafen war und das Mädchen dabei war, die Unordnung zu beseitigen, die durch einen durch Alkohol herbeigerufenen Tobsuchtsanfall entstanden war, begann ihr Bruder wie so oft, sie zu peinigen, spuckte auf sie und schlug ihr schließlich ins Gesicht. Früher hatten sie sich prächtig verstanden, aber seit sie keinerlei Magie gezeigt hatte, behandelte er sie wie ein Stück Abfall. Er sah es eben nicht anders von seinem Vater, auch wenn der es nie wagen würde, sie wirklich zu verletzen. Ihr Bruder war da jedoch ganz anders. Daher war es keine Seltenheit, dass er ausholte und auf sie einschlug.

Irgendetwas war an diesem Tag jedoch anders. Das Mädchen hatte keine Lust, erneut grün und blau geschlagen zu werden. Sie hatte genug, und hielt gerade eine Pfanne in der Hand, die sie eigentlich im Schrank verstauen wollte. Plötzlich sah sie sich jedoch, wie sie damit ausholte und das schwere Eisen auf dem Kopf des Bruders landete. Bewusstlos sackte dieser zusammen, während die Pfanne klappernd zu Boden fiel.

Was hatte sie da getan? Sofort glitt ihr Blick zu ihrem Vater, der noch immer tief und fest schlief und vor dem nächsten Morgen nicht aufwachen würde. Panisch und besorgt beugte sie sich hinab zu dem am Boden liegenden, um sicher zu gehen, dass er noch lebte. Kaum war sie über ihm, schnappte eine Hand nach ihr, wie eine Schlange die zu Biss.

„Du dreckiger Squib, wie kannst du es wagen“, zischte der Bruder, zog sich an ihr hoch und schlug ihr ins Gesicht, sodass sie ins Taumeln geriet. „Das wirst du büßen!“ Er griff nach der am Boden liegenden Pfanne und holte damit aus. Doch das Mädchen reagierte schnell, wandte sich zur Tür und stieß diese auf. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht, und der Boden war Schnee bedeckt, ungünstig für die leichten und kaputten Schuhe die sie trug. Aber sie hatte keine Zeit, sich umzukleiden.

So schnell sie konnte lief sie in die Abenddämmerung hinaus, auf der Flucht vor ihrem eigenen Bruder, in dessen Augen die Mordlust aufgeblitzt war. Sie hätte sich nicht wehren dürfen. Woher kam dieser plötzliche Reflex vorhin? Sie war doch sonst nicht so. Eigentlich geschah es ihr nur recht, wenn er sie einholte und ihr etwas antat. Würde er es nicht tun, dann würde gewiss der Vater am nächsten Morgen eine harte Strafe walten lassen.

Die Angst davor machten sie unaufmerksam und brachten sie ins Straucheln. Ihr nächster Schritt war unbedacht gewählt. Ein runter Ast, der sie zu Fall brachte. Ungebremst rutschte sie einen Hang hinab und blieb im Unterholz liegen. Schnell und stoßweise atmend versuchte sie den Schreck zu verarbeiten und wartete ab, ob ihr Bruder sie nun erwischen würde. Sie versuchte den Atem anzuhalten, um es ihm nicht allzu leicht zu machen sie zu finden und hielt sich den Mund zu. Vorsichtig drehte sie sich um, um blickte den Hang hinauf, untersuchte die Umgebung.

Dabei fiel ihr ein seltsames Leuchten auf. Es war ganz fein, nicht gerade leicht auszumachen, obwohl es in ihrer unmittelbaren Nähe war. Etwas unsicher, ob sie es näher untersuchen sollte, weil sie dafür ihre Deckung aufgeben musste, dachte sie nach. Die Neugierde packte sie jedoch, und wenn es ganz still war, dann war es auch so, als hörte sie einen leisen Hilferuf. Also kroch sie hervor und näherte sich dem Leuchten.

Eine Fee, eingeklemmt zwischen zwei dicken Ästen, versuchte sich vergebens freizubekommen. Das Mädchen war ihr dabei natürlich behilflich. Kaum war das kleine Wesen frei, flitzte es auch schon davon. Fasziniert blickte das Mädchen nach und merkte nicht, dass sich hinter ihr eine finstere Gestalt aufbaute.

„Jetzt wirst du sterben!“, verkündete ihr Bruder und holte mit der Bratpfanne aus, zielte auf ihren Kopf. Leise wimmernd schloss sie die Augen, um darauf zu warten, dass es geschah. Doch nichts passierte. Als sie die Augen öffnete, fiel die Pfanne einfach zu Boden, als ob sie jemand fallen gelassen hätte und anstelle ihres Bruders stand eine Schneekugel vor ihr. Darüber flatterte die kleine Fee. „Dein Bruder ist nun in der Kugel gefangen“, erklärte sie, „du kannst ihn wieder rauslassen, wenn er sich beruhigt hat und ihn jeder Zeit wieder darin einschließen! Als Dankeschön für deine Hilfe.“

Mehr Erklärung bekam das Mädchen nicht, da die Fee sich nun endgültig aus dem Staub machte. Vorsichtig nahm sie die Schneekugel an sich und schüttelte sie kräftig, damit der Schnee darin fiel. Ihr Bruder saß in der Mitte, zusammengekauert und sah zu ihr auf. Wann sie ihn wohl frei lassen sollte, fragte sich das Kind.

Erst am nächsten Abend entließ sie ihn wieder, drohte ihm, ihn sofort wieder einzusperren, sollte er etwas erzählen oder wieder die Hand gegen sie erheben. Von nun an war der Bruder artig zu ihr und sehr zuvorkommend. Denn immer, wenn er auch nur die Stimme gegen sie erhob, hielt sie die Schneekugel hoch und er verstummte wieder.

Seither befand sich diese Kugel im Familienbesitz und wurde weitergegeben.

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