13. Dezember

„Ich habe genug Horrorgeschichten gelesen, um zu wissen, dass es vielleicht keine allzu gute Idee sein dürfte …“, wollte Smith einwerfen, doch ein „Pscht!“ von Victoria brachte ihn zum Schweigen. „Und ich durfte schon genug Horrofilme sehen, aber es ist der einzige Weg hier raus“, fuhr sie ihn an und ließ den Reinblüter im Unklaren darüber, was genau Horrorfilme nun wieder waren. Aber sie hatte Recht. Im Moment war es wichtiger, endlich eine Art Ausgang zu finden.

Daher hatten sie sich seit dem Auftauchen der Tür dazu aufgemacht, diese zu untersuchen. Sie schien magisch zu sein, denn zuvor war an dieser Stelle ganz gewiss nichts gewesen. Jedoch war sie sehr klein, sodass sie beiden wohl auf allen vieren durch das Loch krabbeln mussten. Aber was sollten sie mit Dutton machen? Obwohl beide dafür waren, ihn einfach hier zu lassen, und selbst erst einmal herauszufinden, wohin die Tür führte, bekamen sie doch ein schlechtes Gewissen, weil sie nicht wussten, ob der Durchgang lange bestehen blieb. Die Lichtquelle wurde auch jetzt schon schwächer und man konnte sehen, dass auch die Umrisse der Tür langsam zu verblassen begannen. Sie mussten sich schnell entscheiden.

Also kamen sie bald zum Entschluss, dass sie erstens durch die Tür mussten, komme was wolle und zweitens Dutton mitnehmen sollten. Da Smith ja eigentlich kein solch großer Idiot war, wie er immer tat, bastelte er schnell aus den Seilen und Säcken eine Vorrichtung zusammen, auf der sie Dutton platzieren konnten, um ihn hinter sich her zu ziehen. Das spärliche Licht war dabei sehr hilfreich, auch wenn etwas mehr wohl ein größerer Segen gewesen wäre, aber wer wollte schon meckern, wenn er bisher in vollkommener Dunkelheit verbracht hatte?

So machten sie sich also auf durch die Tür, Lestrange voran, gefolgt von Smith, der Dutton hinter sich herzog. Der Gang war tatsächlich sehr schmal und nicht sonderlich hoch, sodass sie durchkriechen mussten. Nicht sehr angenehm, und John fragte sich, ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, hinter seiner Kollegin zu sein, da sie nun zum einen als Erste in eine mögliche Gefahr geraten könnte und zum anderen er nun ständig auf ihren Hintern blicken musste, weil er nirgendwo anders hinsehen konnte. Daher war er schon fast erleichtert, als die Tür hinter ihnen zuschlug und ihnen somit wieder jegliches Licht fehlte. Wobei diese Erleichterung nicht sehr lange anhielt, als ihm bewusst wurde, dass sie nun in einer viel kleineren engeren Umgebung waren und vermutlich von vielen Tonnen Erde und Steinen erdrückt werden könnten. Aber jetzt in Panik auszubrechen war noch unvorteilhafter als je zuvor. Hoffentlich kamen sie hier bald raus.

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Der Vollmond stand in dieser Nacht schon recht früh hoch am Himmel, und die Werwölfe hatten somit nicht so viel Zeit in der Peinlichkeit ertragen müssen. Wobei Evander ja noch nie ein Problem damit gehabt hatte, sich nackt in der Öffentlichkeit zu zeigen, nur seiner Freundin gefiel das nicht so sehr.

Die Verwandlung war wie gewohnt schmerzhaft, was Derrick schon zuvor zum Weinen brachte. Als Werwolf hatte man es eben nicht leicht, vor allem wenn man ohnehin schon sehr zart besaitet war. War ja auch nicht so, als ob man sich das Leben als Pelzträger unbedingt aussuchen könnte. Da mussten sie also alle durch.

Eigentlich hatten sie sich alle schon auf einen ziemlich chilligen Abend gefreut, bei dem sie alle einfach nur beisammen oder jeder für sich in der Ecke liegen würden. Doch als da plötzlich durch den Schein des Vollmondes eine Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Gitterfensters erschien, die von alleine aufsprang, war der Entdeckerzwang des Rudels geweckt. Welches Tier ließ sich schon gern einsperren?

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Das eingesperrt sein im Schloss ging den meisten schon gehörig auf den Senkel. Aus diesem Grund hatte Joe auch ihre Truppe zusammengepfiffen. Sie wollte einen nächtlichen Ausbruch wagen, immerhin hatte es bisher niemand geschafft, bei Tag etwas zu erreichen. Im Schutze der Nacht könnte man gewiss mit dem Besen über die Schneedecke fliegen, schließlich schneite es draußen nicht mehr so doll, und als gute Quidditchprofis hatten sie allesamt ihre Besen mit ins Schloss genommen, um sie richtig pflegen zu können. Und geheime und illegale Spiele innerhalb der Schlossmauern zu veranstalten.

Als Gryffindors hatten sie es immerhin nicht weit. Sie mussten nur die Fenster öffnen, und könnten es so versuchen. Schließlich war der Gryffindorturm ziemlich weit oben, und der Schnee war nur am Boden. Doch irgendwie war es gar nicht einmal so einfach die Fenster überhaupt erst aufzubekommen, da sie so eingefroren waren. Caiden beschlich das Gefühl, dass es wohl keine allzu gute Idee sein würde, bei so einer Kälte raus zu gehen. James Edwards war sich sogar sicher, dass es ziemlich arschkalt draußen sein müsste und zeigte mit seinen Fingern, wie kalt er die Sache einschätzte. Den anderen Jungs lief da natürlich gleich ein kalter Schauer über den Rücken.

Nur Joe winkte ab. Sie hatte nichts zwischen den Beinen, was ihr abfrieren könnte, daher sah sie nicht ein, wieso sie es nicht weiter versuchen sollte. Am Ende würde sie ein warmes Butterbier im Besen trinken und die anderen konnten ihrer Meinung nach hier verrotten, wenn sie zu ängstlich waren. Während also die männlichen Löwen einen Rückzieher machten, waren es ein paar Mädchen, die sich die Besen schnappten, und darauf warteten, dass die Jungs die Fenster aufbekamen. Ohne weiter abzuwarten sausten sie los, als es Jared und Scipio tatsächlich gelang, das Fenster für kurze Zeit aufzureißen, als das Vollmondlicht hell am Himmel leuchtete. „Freiheit“, brüllte Joe aufgeregt, während sie alle durch das Fenster schossen und sich in vollkommener Dunkelheit und Kälte wiederfanden.

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„Es ist nicht dunkel, wir haben mega viel Platz, und wir gehen bestimmt auf eine Blumenwiese zu“, versuchte sich John immer wieder leise einzureden, was seine Kollegin langsam in den Wahnsinn trieb. Victoria fragte sich, wie sehr es auffallen würde, wenn sie Smith erwürgte und seine Leiche dann einfach hier verscharren würde. Oder aber sie würde ihn ebenso wie Dutton hinter sich her schleifen und am Ende betrauern, dass es für ihn wohl schon zu spät gewesen war. Das einzige, was sie von diesem Vorhaben abhielt war die Tatsache, dass sie dann vollkommen alleine in diesem schmalen Gang wäre und das wollte sie nicht. Auch wenn sie es nicht zugeben würde, war es doch gut, etwas Gesellschaft zu haben, auch wenn es der schlacksige Idiot war.

Irgendwann erreichten sie endlich ein Stück, in dem es genug Platz gab, um sich endlich wieder aufrichten zu können. Ihre Rücken hatten bereits zu schmerzen begonnen, daher war es eine Wohltat sich endlich zu strecken. Außerdem schien es hier weniger dunkel zu sein, zumindest konnten sie ihre gegenseitigen Umrisse etwas besser ausmachen als zuvor. „Vielleicht kommen wir bald hier raus“, hoffte Lestrange, was Smith ein erleichtertes Seufzen entlockte. Natürlich durften sie sich auch nicht zu früh freuen, wer wusste schließlich, was sie noch erwartete.

Wie aufs Stichwort hallte plötzlich ein bedrohliches Knurren durch die Dunkelheit, wurde immer lauter. Victoria wollte einen Schritt nach vorne machen, doch John hielt sie instinktiv am Arm zurück. „Das klingt nach einem Wolfsrudel“, flüsterte er fast tonlos. Gäbe es hier etwas mehr Licht, würde man ihn nun gewiss ansehen können, dass er blass geworden war. Aber auch Lestrange konnte richtig spüren, wie jegliches Blut aus ihren Wangen zu weichen schien. „Ein Wolfsrudel? … oder das Wolfsrudel?“, fragte sie mit belegter Stimme nach.

Da das Licht, das ihnen zuvor die Tür offenbart hatte, wohl oder übel der Vollmond gewesen sein könnte, war ihre Frage durchaus berechtigt, vor allem wenn sie wirklich noch irgendwo im Schloss sein sollten.

„Haben die Schüler ihren Trank eingenommen?“, wollte Lestrange weiter wissen. „Woher soll ich das wissen? Ich weiß nicht einmal, wie lange wir schon eingesperrt waren!“, erwiderte Smith. Er wollte es auch nicht herausfinden, ob die Kinder ihren Trank genommen hatten. Aber da es keinen Ausweg gab, und das Knurren und Jaulen immer näher kam, würde ihnen wohl nichts anderes über bleiben.

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„Scheiße Joe, gib doch zu, dass wir uns verflogen haben!“, murrte Laney vor sich hin und drehte eine kleine Runde auf ihrem Besen.

Sich verflogen haben war in diesem Moment eigentlich ein Satzbaustein, denn man so einfach nicht verwenden konnte. Sie waren schließlich nie wirklich an dem Ort angelangt, an den sie wollten. Denn anstatt nach draußen zu kommen, hatte das Mondlicht sie kurz geblendet, ehe sie in dieser vollkommenen Dunkelheit gelandet waren, die eindeutig nicht die Ländereien von Hogwarts waren. Aber wo waren sie denn nun eigentlich?

„Ab mit dem Kopf!“, forderte das junge Kingsley-Mädchen und deutete an eine Stelle, wo sie Joe vermutete. Natürlich war sie die Schuldige an dieser Misere. Wer hatte den sonst diese Idee gehabt?

„Seit doch mal still, vielleicht können wir so herausfinden, wo wir sind!“, schlug Abby vor, die Olivia hinter ihr auf dem Besen sitzen hatte, weil die eigentlich zuerst gar nicht hatte mitkommen wollen. Aber Abby und Olivia gabs nun mal nur im Doppelpack, oft sogar im Trippelpack, aber Leandra war leider nicht hier.

Tatsächlich dauerte es eine ganze Weile, bis alle wirklich die Klappe zu bekamen und aufhörten zu motzen. Doch obwohl man erwartet hätte, nun gar nichts mehr zu hören, ertönte doch von irgendwoher ein seltsames Grollen, dass ziemlich gefährlich klang. Tatsächlich klang es sogar hier und da wie ein Knurren und Jaulen.

„Ist das ein Wasserfall?“, fragte Laney, und wurde mit einem wüsten „PSCHT“ wieder zum Schweigen verdonnert. Genau in diesem Moment vernahmen die jungen Damen einen spitzen Schrei. „Scheiße, das klingt nicht gut!“, stellte Joe fest, „lasst uns mal dahinfliegen, und dem Geräusch folgen!“

Gesagt getan.

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Das Rudel hatte sich rasant genähert. Während die Menschen in dieser Dunkelheit mit ihren Augen recht wenig ausmachen konnten, sahen die Wölfe umso besser, da sie vor allem auch ihre Nasen nutzen konnten und es für die drei Professoren somit keinen Ausweg gab. Diese hatten sich an der Wand entlang getastet, in der Hoffnung irgendwo einen weiteren Gang zu finden. Natürlich hätten sie auch den anderen Gang wieder benutzen können, doch sie wollten nicht ganz gefangen sein, sollten die Wölfe ihnen folgen. Irgendwie hatten sie gehofft, zumindest etwas mehr Abstand zu dem Rudel zu gewinnen, doch leider blieb ihnen diese Hoffnung verwehrt. Sie waren schneller aufgespürt und eingekreist worden, als ihnen lieb war.

Auch wenn sie beide etwas mehr erkennen konnten als in ihrem vorherigen Gefängnis, half es nicht viel weiter. Viel eher war es umso gruseliger, die dunklen Umrisse zu sehen, die näher kamen. Schützend stellte Smith sich vor seine Kollegin, gerade noch rechtzeitig, als einer der Wölfe auf die beiden zusprang und ihn zu Boden riss. Ein erschrockener Schrei entfuhr ihr, ehe er sich an seine Kollegin wandte, während er versuchte den Wolf abzuwehren. „Versuchen Sie zu entkommen. Los, laufen Sie!“, rief er ihr zu.

Victoria war jedoch so starr vor Schreck, dass sie es nicht wagte sich zu bewegen. Erst als auch einer der Wölfe auf sie zusprang, warf sie sich zur Seite. „Ich denke nicht, dass sie ihre Tränke ausreichend bekommen haben“, meinte sie vorwurfsvoll. Nur zu gerne hätte Smith etwas darauf erwidert, aber er musste sich nun auf etwas anderes konzentrieren. „Es tut mir leid“, murmelte er in Richtung des Wolfes und holte mit der freien Hand aus, um dem den Wolf eine zu verpassen. Glücklicherweise half es, damit er sich befreien konnte.

Es half jedoch nicht viel. Am Ende standen beide wieder nebeneinander, eingekreist von den Wölfen und schwer atmend. Dutton hatten sie irgendwo im Eifer des Gefechts schon wieder verloren, aber der sollte sich um sich selbst kümmern.

„Wir kommen hier nie wieder raus“, stellte Victoria plötzlich fest, als ob die Erkenntnis sie erst jetzt so richtig traf.

„Ich werde die Wölfe ablenken und Sie laufen in die entgegengesetzte Richtung davon. Dann schaffen Sie es vielleicht“, erklärte Smith seinen Plan und begann seine Ärmel hochzukrempeln. „Sie sind wahnsinnig“, murrte Lestrange, war jedoch überrascht, woher dieser plötzliche Mut ihres Kollegen kam. Es sah ihm gar nicht ähnlich.

Doch noch ehe sie ihn festhalten konnte und ihm die Sache ausredete, stieß er sich von der Wand ab und stürzte sich in das Rudel. Oder zumindest wollte er das. Denn im nächsten Augenblick baumelten beide Professoren in der Luft und stiegen immer höher.

„Also echt mal, Professor. Sie sollten ein bisschen besser aufpassen“, meinte Joe mahnend und ließ den Mann auf ihren Besen klettern, „wäre ja blöd wenn sie Hundefutter werden würden.“

Die Gryffindormädels hatten es gerade noch rechtzeitig geschafft, die Quelle des Lärms auszumachen und die beiden Professoren zu retten.

„Ich war noch nie so glücklich darüber, ihr vorlautes Mundwerk zu hören. Ernsthaft“, erklärte Smith und drückte Joe. „Jaja, schon gut. Wir sollten versuchen hier rauszukommen, bevor es zu kitschig wird“, wimmelte die Löwin ihren Professor ab.

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Irgendwie schafften sie es tatsächlich, aus der Dunkelheit auszubrechen und im normalen Kerker der Schule zu landen. Da niemand wirklich laufen wollte, flogen sie die Treppen zum Krankenflügel nach oben, um die beiden Professoren bei Madame Pomfrey abzuliefern, die beide hinter den Schülern, hinter denen sie Platzgenommen hatten, eingeschlafen waren.

„Ich will gar nicht wissen, was die beiden so gemacht haben“, meinte Laney angewidert und bekam dafür von Olivia einen strafenden Blick zugeworfen. Die Löwin war einfach nur froh, dass sie ihrer Slytherin-Freundin berichten konnte, dass ihre Mutter wieder aufgetaucht war. Die Geschichte dazu würde ihnen ohnehin niemand glauben.

Eben so wenig wie das, was sie beim Krankenflügel erwarteten. Dort stand Professor Dumbledore, wartend und mit eiserner Miene. „Guten Morgen, die Damen und der Herr. Gut, dass Sie alle rechtzeitig noch vor Unterrichtsbeginn aufgetaucht sind. Ich wünsche ihnen allen einen schönen Schultag“, sagte er in einem Tonfall, in dem er keine Widerworte erwartete. Er schien nicht einmal den beiden Lehrern eines Blickes zu würdigen, die ziemlich zerzaust und fertig aussahen. Ja, er fragte sie nicht einmal, wo sie die letzten Tage hinverschwunden waren, oder begleitete sie in den Krankenflügel. Es schien fast so, als ob er erwartete, sie würden jetzt sofort an die Arbeit gehen.

Smith, der eigentlich immer begeistert gewesen war von Albus, schien bitter enttäuscht zu sein. „Der Typ muss weg“, flüsterte er leise, nachdem der Schulleiter gegangen war.

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