1. Dezember

Glitzernd fiel der Schnee vom Himmel und färbte die Landschaft weiß und die Dächer des Schlosses wurden angezuckert. Da seit dem Beginn des Schneegestöbers niemand auf den Ländereien war, zerstörten keine Fußspuren die durchgängige Schneedecke, die stetig anwuchs. Auch kein Tierwesen wagte es, einen Fuß auf das kristallisierte Wasser zu setzen. Alles wirkte sehr ruhig, fast idyllisch.

Zumindest von außen.

Erneut schüttelte der Blonde die Kristallschneekugel in seinen Händen und stellte sie anschließend auf den Schreibtisch ab. Seufzend griff er zu der Feder, die er kurz zuvor in einem Tintenfass platziert hatte. Eigentlich hatte er ja etwas anderes zu tun, wie der Stapel an Mappen und Pergamente neben ihm zu berichten wusste. Dennoch zog er lieber sein kleines schwarzes Büchlein an sich heran, ehe er den Tintentropfen an der Spitze des Federkiels am Rande des Tintenfässchens abtropfen ließ und das kleine Buch aufschlug.

„Liebes Tagebuch“, begann er zu schreiben und setzte kurz ab, um sich umzusehen. Sein dämlicher Sekretär war zum Glück schwer mit anderen Dingen beschäftigt, sodass er ihn nicht stören sollte, während er in seinem Journal ein paar Worte verfasste, die ihn nun schon seit ein paar Stunden belasteten. Denn auch wenn er selbst der Auffassung war, dass nur echte Männer Tagebuch schrieben, so gab es immer noch böse Zungen, so wie seinen Sekretär, die sich über ihn lustig machen wollten. Dabei lehrte er solchen Leuten nur zu gern das Fürchten. Aber sicher war sicher, also schrieb er erst weiter, als er sich sicher war, dass niemand ihn stören würde.

„Heute hatte ich schon früh morgens eine Audienz beim dunklen Lord. Der Umstand war recht seltsam, und damit meine ich jetzt nicht die rosa Plüschpantoffel und den Morgenmantel, den der Lord wegen der frühen Morgenstunden trug. Nein. Es war eher die Tatsache, dass er mehr als besorgt wirkte. Der dunkle Lord und Sorge, fragst du dich bestimmt nun, das passte doch nicht zusammen! Ja, der Meinung war ich auch, daher war mir sofort klar, dass etwas faul sein musste. Was ihn so sehr bedrückte, erzählte er mir auch, nachdem ich versprechen musste, mit niemanden sonst darüber zu reden. Er hatte einen Auftrag für mich. Ganz exklusiv und voll geheim! Kannst du dir das vorstellen? Wenn ich das richtig hinbekommen würde, dann wäre ich die unerreichbare Nummer Eins in der Riege der Todesser! Jetzt halt dich fest, was der Auftrag ist …“

„Verdammt nochmal, Kavanagh! Haben Sie endlich den Vertrag unterschrieben?“, riss ihn plötzlich jemand aus dem Schreibfluss.

Erschrocken zuckte der Angesprochene zusammen, was dazu führte, dass die Feder unkontrolliert über die Seite kratzte und einen langen schwarzen Strich hinterließ. Wie ärgerlich. Ziemlich sauer sah der Blonde auf. „Kannst du nicht anklopfen, Donovan?“, knurrte er.

Der junge Mann schüttelte den Kopf. Türen waren total unnötig, daher schloss er sie auch nie hinter sich. Für solche Sachen gab es schließlich Hauselfen. Unaufgefordert trat er näher an den Schreibtisch und versuchte über den Berg an Pergamenten hinüber zu sehen, woran Christian gerade arbeitete. Dieser schlug jedoch schnell ein kleines schwarzes Buch zu und griff nach einem Mäppchen, in dem der angesprochene Vertrag lag. „Wenn du deine Arbeit richtig machen würdest, wüsstest du, dass der längst fertiggestellt wurde!“

„Pff Arbeit … Sie wissen doch, dass wir eigentlich nur hier sind, damit ER seine Leute hier hat, oder?“, meinte der Sekretär schulterzuckend, „Sie nehmen das hier doch nicht zu ernst oder?“ Sie waren schließlich nur platzierte Marionetten, die den Posten so lange warm halten sollten, bis die Zeit dafür gekommen war, den dunklen Lord auf den Ministersessel zu hieven. Es war also vollkommen sinnlos, sich hier ein Bein auszureißen.

Aber Kavanagh sah das natürlich vollkommen anders. Immerhin konnten sie dem Lord keinen Müllhaufen überlassen, sobald dieser den Ministerposten einnehmen würde. Ihm war klar, dass der junge Donovan davon allerdings wenig Ahnung hatte, auch wenn sein Vater immer wieder versuchte, ihm etwas zu erklären. Aus diesem Grund war auch er zum Minister ernannt worden und JT nur Sekretär. Wobei er ja eigentlich zuerst nur im Sicherheitsbereich des Ministeriums tätig war. Aber Christian hatte doch etwas Langeweile gehabt, nachdem ihm sein vormaliger Sekretär genommen worden war. Na gut, da war eine klitzekleine Lüge dabei. Es war eher ein bisschen ein böser Nebengedanke gewesen, JT Donovan zum Laufburschen zu machen. Immerhin könnte er sich vielleicht so seine vorlaute Art abtrainieren und etwas Respekt lernen.

Allerdings hatte Christian natürlich nicht miteinberechnet, dass die Erziehung von jungen Erwachsenen noch viel schwieriger war, als jene von Teenagern. Letztere konnte man wenigstens noch, sobald man die Frau seine Träume geheiratet hatte, in ein weitentferntes Internat abschieben. Aber JT hatte er sich nun zum Teil selbst eingebrockt. Aber damit musste er, zum Wohle der magischen Gesellschaft, leider leben.

Nachdem der Dunkelhaarige den gesuchten Vertrag – dabei ging es lediglich um unwichtige Nebensächlichkeiten wie Gehaltsverhandlungen – mitgenommen hatte, war Christian wieder mit seinem Tagebuch und seinen Gedanken alleine. Dachte er zumindest, denn sein kleines schwarzes Büchlein war verschwunden. „Verdammt … DONOVAN!“, brüllte er laut und stand ruckartig auf, sodass der Stuhl hinter ihm klappernd zu Boden fiel.

~*~*~*~

Eines musste man JT lassen. Als großer Bruder, der immer darauf bedacht war, den Jüngeren zu quälen, hatte er sich einige Fertigkeiten angeeignet. Unter anderem auch, wie man Sachen einfach verschwinden lassen konnte, wenn man etwas haben wollte, oder den anderen dumm da stehen lassen möchte. In diesem Fall war es ihm verdächtig vorgekommen, dass Kavanagh zuvor wo herum gekritzelt hatte wie ein tagträumendes Mädchen. So etwas lockte den Donovan einfach magisch an, weswegen er nicht wiederstehen konnte. Also hatte er schnell nach einem Vorwand gesucht, um ins Ministerbüro gehen zu können, und um das Buch zu entwenden.

Kaum hatte er den Raum verlassen, hatte er natürlich sofort die Beine in die Hand genommen um auf die nächste Toilette zu flüchten. Nur um sicher zu gehen, dass Kavanagh ihn nicht sofort fand, war er auf die Damentoilette verschwunden. Natürlich nur aus diesem Grund. Nicht etwa, weil er die falsche Tür erwischt hatte. Nein. Ganz gewiss nicht. *zwinker*

Er konnte es kaum erwarten zu lesen, was der Blonde vor ihm zu verbergen versuchte. Da er der erste war, der die Post an den Zaubereiminister in die Hände bekam, hatte er auch mitbekommen, dass Kavanagh zu einer dringenden Audienz zum Lord geladen worden war. Natürlich war es nun logisch, die aufgekommenen Wissenslücken dementsprechend aufzufüllen. Immerhin wollte er bestens informiert sein, ehe seine Zeit gekommen war, um selbst vor dem Lord zu brillieren. Konnte ja immerhin nicht sein, dass er ewig hier nur als Bleistiftschupse arbeiten sollte.

 Leise murmelnd überflog er Passagen. Langsam wanderte eine Augenbraue nach oben. „Der Typ hat doch allgemein eine Macke“, murrte er gegen die Klotür, die Sekunden später auch schon aufgerissen wurde. Erschrocken stieß JT den unmännlichsten Schrei, den es je in der Geschichte der männlichen Männer gegeben hatte, aus. Selbst für die Damentoilette klang das zu weiblich. „Hab ich dich und jetzt stirbst du!“, knurrte Kavanagh wütend.  

Dabei war JT noch gar nicht zu den interessanten Sachen gekommen, sondern hatte lediglich erst einmal ein paar Gedichte für oder über Selma gefunden! Dumm sterben war immer sehr ärgerlich. Als würde es ihm das Leben retten, drückte er das Tagebuch an seine Brust, während sich Kavanagh auf ihn stürzte.

Nach oben